Bildrechte: Axel Herzig

Gut angekommen und aufgelegt: Jan Plewka mit Selig auf dem Fährmannsfest.

Klassiker und das erste Mal

Das Fährmannsfest startete speziell

06. August 2016, Von: Andreas Haug, Foto(s): Axel Herzig

Am gestrigen Freitagabend ist in Hannover das diesjährige Fährmannfest gestartet. Bei zeitweise durchwachsenem Wetter, begaben sich die Besucher –fast wie aus den Vorjahren gewohnt- zunächst zurückhaltend auf das Gelände. Dieses füllte sich dann im Laufe des Abends immer mehr, bis es beim Auftritt der Band Selig dann wieder ordentlich voll war. Es war ein Abend der Klassiker und Kontraste, musikalisch gesehen. Für die Band TÜSN war es das erste Mal, dass sie in Hannover spielte und Selig brachten erstmals einen Song, den sie noch nie zuvor auf einer Bühne gespielt hatten. Bemerkenswert war die Show der Rocklegende Epitaph.

Es wird unter den Anwesenden orakelt und geunkt, was die Entwicklung des Wetters angeht. Am Nachmittag scheint die Sonne, doch dunkle Wolken am Himmel kündigen ein ungemütliches Szenario an. Verschiedene Online-Wetterdienste und Apps werden bemüht und die Informationen sind höchst unterschiedlich. Es solle schlecht werden, vor allem Samstag, sagt einer. Samstag werde ein schöner Tag, meint ein anderer. „Nur selten ganz leichter Regen heute“, bemerkt jemand, es bleibe alles gut, ist eine weitere Meinung. Dann kommt noch eine ober-pessimistische Einschätzung: Es werde schütten und Gewitter geben…

Mit Buch im Liegestuhl

Selig, die hier in Hannover auf dem Fährmannsfest eine rare ausgesuchte Show spielen, sind entspannt eingetroffen. Während sich Sänger Jan Plewka hinter der Bühne ein Buch schnappt und es sich auf einem Liegestuhl an der Ihme gemütlich macht, gibt Bassist Leo Schmidthals einen kleinen aktuellen Einblick, was bei der Band gerade läuft: Man sei immer noch in einem sehr kreativen Schreibprozess von neuen Songs, zum Jahresende wolle man in Schweden einiges aufnehmen, aber Neues wolle man heute Abend noch nicht live ausprobieren: „Wir sind da sehr gewissenhaft und lassen uns Zeit“, erklärt Leo und fügt an „Bevor wir neue Songs rausbringen oder auf der Bühne spielen, muss jeder Ton sitzen, jeder Ton muss Seele haben.“ Also werden die Hannoveraner zum Abschluss des heutigen ersten Tages viele Klassiker der Hamburger Band hören, die in den Neunzigern populär wurde.

Unterdessen hatte die Noise-Rock-Band About Béliveau auf der Musikbühne eröffnet, drüben auf der Kulturbühne die hannoversche Ambient-Soul-Jazz Band Opak, die bis vor kurzem Düster hieß. Beide Bands beeindruckten. Consolers, noch vor nicht all zu langer Zeit mit Psychedelic-Rock und Grunge unterwegs, legen ein entspanntes, meist sonniges, locker-flockiges Set in bester West-Coast-Rock-Manier hin. Fans von Bands wie Grateful Dead finden hier vom Grundcharakter den ein oder anderen Song und Groove.

Leichtes Hippie-Flair

Es macht sich schon leichtes Hippie-Flair auf der Wiese breit und dort knüpft dann die legendäre Band Epitaph an, die ihrerseits Klassiker aus mehr als 40 Jahren Bandgeschichte präsentiert und Songs aus ihrem neuesten Album „Fire From The Soul“ spielt. Der gut abgehangene Rock sorgt für traditionelle Open-Air-Rock-Atmosphäre und nicht wenige der vielen älteren Semester vor der Bühne freuen sich ähnlich, wie vor vier Jahrzehnten. Epitaph tauchen ein in ihre Rockhistorie und lassen sich zeitweilig von „The Fire Strings“, einem Ensemble mit sechs Cellisten unterstützen. Einer davon ist Ilja Lappin, in der Szene sonst als Bassist der Art-Core-Band The Hirsch Effekt bekannt. Eine Show mit exklusivem Charakter

Einen angenehmen stilistischen Bruch und nahezu kompletten Publikumsaustausch gibt es mit dem ersten Hannover-Auftritt der Berliner Band TÜSN. Dunkler Indie-Rock wird geboten, der dann aber vorwiegend Wärme verbreitet. Melodisch, mit Synthesizer, Bass, Schlagzeug und Gesang, gut tanzbar und sehr satt im Sound. Es gibt einen Regenschauer, der ein paar Songs andauert. Passt zur Musik, dem Publikum gefällt es augenscheinlich. Auf der Kulturbühne ist währenddessen der Singer-Songwriter Maciek mit Band am Start. Hier ist das Areal schon früh sehr gut gefüllt. Eine Art Fest im Fest. Es gibt souligen, groovigen Pop und einen Ausblick auf das neue Album, dass der Hannoveraner im September herausbringen will.

Einfach nur zum Essen getroffen

TÜSN lassen die Rufe nach einer Zugabe unbeantwortet. Nach 75 Minuten ist unwiderruflich Schluss. Insider wissen Bescheid, dass bei TÜSN auch Mitglieder der inzwischen aufgelösten Punk-Pop-Band 5 Bugs mitwirken, unter anderem Bassist Daniel. Angesprochen auf ein auf Facebook gepostetes Foto, das jüngst die komplette 5 Bugs-Truppe bei einem gemeinsamen Essen zeigte und Anlass für Spekulationen einer 5 Bugs-Reunion gab, entgegnet Daniel freudig lachend, dass man sich einfach nur zum Essen getroffen hätte, weil noch Geld in der Bandkasse übrig gewesen sei. Nun gut, man nimmt das anhaltend freudige Lachen zur Kenntnis und lässt das für heute mal so stehen.

Selig beschließen den durchaus speziellen ersten Fährmannsfest-Tag mit einem gut 90-minütigen Konzert, das hier viele begeistert. Schon als die Band die Bühne betritt, wird sie mit lautem Jubel begrüßt. Selig bringt man mit den 1990er-Jahren in Verbindung, man mag die Hamburger als 90er-Band einordnen, die ihrer Musik aber auch einige bluesig-groovige, vorwiegend in den 70ern verwurzelten Rockelemente beimengt. Ein spezieller, spannender Mix. Als Gitarrist Christian Neander einen dieser Gitarren-Riffs alter Rockschule zu Beginn eines Songs anspielt, ruft einer im Publikum: „Hendrix!“ Eine ein wenig weit gefasste Assoziation, die man aber nicht gänzlich verwerfen mag.

Populäres von Selig

Selig spielen aus ihrem reichhaltigen Fundus Songs wie „Mädchen auf dem Dach“, „Lass mich rein“, „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, die bei einem breiten Publikum bekannte Ballade „Ohne dich“ und zum Abschluss „Wir werden uns wiedersehen“. Die Menge wippt, tanzt und singt mit. Die Zugabe kündigt Sänger Jan Plewka bedeutungsvoll an: Man werde nun einen Song spielen, den man noch nie auf einer Bühne gespielt habe. Es folgt eine Interpretation des Bob-Dylan-Klassikers „Knockin´On Heaven´s Door“. Ein gemütlicher Ausklang.

Eine Premiere hatte heute das neue Moderatorenteam. Neben Stefan Henningsen aka Engelgert, schon seit einigen Jahren Fährmannsfest-Moderations-Stammkraft, wirkte erstmals der bekannte Hannoveraner-Szene-Musiker Jean Coppong. Das harmonierte.

Das Wetter spielte trotz unterschiedlicher App-Auskünfte letztlich mit: Neben einer sehr kurzen Phase mit noch ein paar flüchtigen Regentropfen während des Auftritts von Selig, blieb auch der äußere Rahmen für Gäste entspannt.

Am heutigen Samstag geht es um 15.30 Uhr mit dem ersten Auftritt der hannoverschen Band Knifte weiter auf dem Fährmannsfest. Auf der Faustwiese startet das Kinderfest und die Kulturbühne wird mit der Caribbean Dance Salso eröffnet.

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