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Rap, verquere Bewegungen und Grimassen: Zugezogen Maskulin während ihrer Show in Hannover im MusikZentrum.

Eine große Dosis Verrücktheit

Zugezogen-Maskulin-Wahnsinn im MusikZentrum

22. Oktober 2015, Von: David Neumeier, Foto(s): David Neumeier

Das HipHop-Duo Zugezogen Maskulin spielte am Dienstagabend im Rahmen seiner „Endlich wieder Geld“-Tour im sehr gut besuchten MusikZentrum. Wer unwissenderweise aufgrund des Bandnamens prolligen Gangster-Rap erwartete, wurde eines Besseren belehrt. Wer hingegen genau wusste, worauf er sich bei dem Konzert einließ, weil er die Wahlberliner schon öfters live gesehen hat, der bekam auch beim Gig in Hannovers Nordstadt die übliche ZM-Show geboten: Extrem engagiert, abgedreht und immer knapp an der Grenze zum kollektiven Ausrasten.

Vorbands sollen dem Publikum vor dem eigentlichen Hauptact einheizen. Zugezogen Maskulin verzichten darauf – vielleicht aus Kostengründen, vielleicht damit das Konzert früh beginnt, früh endet und das größtenteils recht junge Publikum zeitig nach Hause kommt. An diesem Abend scheint der Grund jedoch ein anderer zu sein: Die Menge muss gar nicht erst auf Touren gebracht werden. Spricht man im Vorfeld mit ein paar Leuten in der Schlange, stellt man fest, dass die Besucher ohnehin so „hyped“ sind, dass sie einfach nur direkt ihre Dosis Zugezogen-Maskulin-Verrücktheit haben möchten. Da ist kein Platz für Vorbands, die ohnehin niemand hören will. ZM beginnen bereits um 20.20 Uhr.

Mit „Endlich wieder Krieg“ liefern sie direkt zum Einstieg eine Abgeh-Nummer. Das gefällt den Hipster-Mädels am Bühnenrand. Das mögen die wild und unkoordiniert herumspringenden Jungs in den Reihen dahinter, die mit ihrem Fanatismus auch problemlos dem Musikvideo zur ersten Auskopplung namens „Alles brennt“ des aktuellen Albums entnommen worden sein könnten. Das eignet sich sogar noch für die Old-School-HipHop-Heads, die in den hinteren Reihen den eindringlichen Beat in bester Kopfnicker-Manier würdigen.

Grim104 und Testo liefern als Duo richtig ab

Während Grim104 (Moritz Wilken) die Menge mit irrem Blick anheizt und beim Rappen so viele Grimassen zieht, dass der Gesichtsmuskelkater am Folgetag vorprogrammiert zu sein scheint, befindet sich sein Partner Testo (Hendrik Bolz) mit seinen kurzen Hosen offenbar noch in der Festivalsaison. Kleiner Kritikpunkt: Aus dieser Zeit stammen oft auch noch die kreativen Reden des Duos, die man im exakt selben Wortlaut schon den Sommer über auf Open-Airs gehört hat und mit denen es auch heute die nächsten Songs anteasert.

Genau diese Songs haben es aber in sich und werden von der Menge abgefeiert. Ob „Ayahuasca“, „Agenturensohn“ oder „Grauweißer Rauch“: Das Publikum spiegelt die verqueren Bewegungen von Zugezogen Maskulin wieder, die mit ihrem völlig planlosen Tanzstil auf der Bühne hin und her rennen und dabei sympathisch und authentisch sind. Auch eine Wall-of-Death zu „Oi!“ darf an diesem Abend nicht fehlen.

Tanzbare Musik muss nicht inhaltsleer sein

Es wirkt oberflächlich wie eine riesige Party, doch wer genau hinhört, erkennt tatsächlich auch die Tiefgründigkeit der Texte, wie beispielsweise in „Oranienplatz“, einem Track, der die Einstellungen der Gesellschaft zur aktuellen Flüchtlingsproblematik thematisiert: „Kauf ich Schuhe von Nike oder Adidas? Solche Fragen quälen mich, während du ne schöne Bootsfahrt hast.“ Textsicher schreit die Menge jedes einzelne Wort mit.

Während der von ZM zwischendurch immer wieder eingestreuten Songs ihrer alten Mixtapes, geht genau diese Textsicherheit dem Publikum jedoch abhanden. Da zeigt sich, dass die meisten Besucher erst seit Kurzem von der Zugezogen-Maskulin-Manie angefixt sind, auch wenn alle auf Nachfrage von Grim104 lauthals beteuern, von Anfang an dabei gewesen zu sein. Phasenweise ist das etwas zu viel vom „alten Kram“ - vielleicht wäre es nicht völlig verkehrt, die Setlist nochmal etwas zu überarbeiten.

Die verschwitzten und während „Guccibauch“ mit Champagner vollgespritzten Fans fordern nach „Schiffbruch“ natürlich noch eine Zugabe. Davon bekommen sie gleich vier Stück um die Ohren gehauen. „Alles brennt“ garantiert weiteres Ausrasten, trotzdem sticheln die Jungs von ZM noch weiter an: „Wer hier von euch nach Zugabe schreit, der muss auch abliefern“. Mit „Vatermord“ ist dann aber um 21.35 Uhr Schicht im Schacht und die Menge macht sich auf den Weg nach Hause, um sich der durchnässten Klamotten zu entledigen.

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