Gehört und Gesehen

18.02.2012Ferdy Doernberg Ferdy Doernberg
A Bridge To Dobroland
Rebellion Records/New Music Distribution (2012, CD)

Es gibt Vollblutmusiker, deren Werke den Hörer zuweilen in Erstaunen versetzen. Nicht nur deshalb, weil man kaum glauben kann, dass international vielbeschäftigte und sehr vielseitige Multiinstrumentalisten und Songschreiber wie Ferdy Doernberg überhaupt noch Zeit finden, ein Soloalbum aufzunehmen, sondern auch aus dem Grund, dass sie musikalisch etwas auf CD verewigen mit dem man kaum hätte rechnen können.

Es ist allgemein bekannt, dass der Keyboarder und Slidegitarrist Ferdy Doernberg auch als Solo-Singer-Songwriter aktiv ist und als solcher gern auch mit einer Dobro auftritt. So hätte man erwarten können, dass „A Bridge To Dobroland“ ein vornehmlich akustisches Folk-Rock-Singer-Songwriter-Album geworden ist, ein Album, das man schön durchlaufen lassen kann, um im Verlauf des Hörens in Zustände wie Freude und Entspannung zu geraten.

Mit dem Opener „Chops“ findet man dann auch gleich einen locker-flockigen Einstieg in die Thematik. Musik, die man gut mit Freunden zum fröhlichen Feierabend im Irish Pub hören kann. Die Dobro klingt schön, das mit Besen gespielte Schlagzeug swingt locker durch, ein bisschen schönes Klavierspiel hier, eine dezente Orgel da, so könnte es nun eigentlich weitergehen. Aber: Fehlanzeige.

In den folgenden 17 (!) Songs des mit insgesamt 73:25 Spielzeit sehr ausführlich und großzügig ausgefallenen Albums, schickt Ferdy Doernberg den nichts ahnenden Hörer auf eine rasante Achterbahnfahrt und zwischenzeitlich auch mal in die Geisterbahn. „A Bridge To Dobroland“ entpuppt sich als ein extrem vielseitiges, vielschichtiges und auch krudes Gesamtwerk, dass man zeitweise nicht mehr weiß, wo überhaupt vorne und hinten ist und wie der Song den man gerade hört, mal angefangen hat und wo er enden möge. Hier ist nichts vorhersehbar und selten durchschaubar.

Doernberg bastelt und spielt, mischt auf ungewöhnliche Art musikalische Stile wie Folk, Metal, Rock und Blues in ihren vielen nur denkbaren Facetten, dass es einem schwindelig werden kann. Da rollen urplötzlich schwere Rock-und Metalgitarren auf einen zu, da findet man verzerrte Gesänge, Schratches und elektronische Effekte, es türmen sich Chöre und Background-Growls auf, dann schwirren verspielte Hochgeschwindigkeits-Gitarrensoli durch die Luft, da gibt es Harmonizer Gitarren mit einem kurzen Gruß an Queen´s Brian May, dann mal wieder eine Dobro, ein Akkordeon, einen Tango-Rhythmus, Melodic-Rock Feuerzeugballaden im Stadionformat, Slidegitarren, Piano und noch viel, viel mehr. Doernberg als Sänger variiert von hart bis zart von gut bis böse.

Doernberg bricht in puncto Songwriting und Arrangements mit gängigen Konventionen und schießt des Öfteren über das Ziel hinaus. Im Song „Loyalty“ wird man, wie einst bei David Bowie´s „Heroes“, locker-groovig durch die Strophe geführt, bis das Ganze dann in ein diffuses Backing-Vocal-Gegröhle mündet. Man mag es als humorvoll oder durchgeknallt empfinden was hier angeboten wird, vielleicht auch als eine musikalische Freakshow, die hier abgezogen wird, bei der der Künstler mit Narrenkappe und ausgestreckter Zunge den an klar strukturierte Songschemen und klar definierte musikalische Stile gewöhnten Durchschnittshörer mal kräftig durchschütteln und gern auch mal überfordern möchte.

Das hier ist unter dem Strich überdreht und teilweise frech. Ferdy Doernberg erweist sich hier nicht nur als vielseitiger hyper-ideenreicher Musiker und Komponist, sondern vor allem auch als unkonventioneller, völlig unerschrocken agierender Zeitgenosse, der knallhart das durchzieht, wozu er offensichtlich Lust hat. Auf der Brücke ins Land der Dobro gibt es weder ein Tempolimit, keine Verkehrskontrollen und auch sonst so gut wie keine Regeln. Auf dieser Brücke herrscht so etwas wie musikalische Anarchie. Sehr aufgeschlossene Hörer die sich gern mal musikalischen Eskapaden widmen und deren Toleranzschwelle sehr hoch ist, könnten mit dieser Platte einen riesigen Spaß haben. Die breite Masse an Rockmusik oder gar an akustischer Singer-Songwriter-Musik Interessierten, dürfte an dieser Platte vermutlich scheitern oder, sofern man die 73:25 Minuten einigermaßen wohlbehalten überstanden hat, einen kräftigen Cognac, Schnaps oder ähnliches zur Wiederherstellung der allgemeinen Orientierung benötigen.

Wer hier ähnlich blass wird, wie nach einer wilden Achterbahnfahrt oder dem Besuch einer Geisterbahn, braucht sich kaum zu schämen.

Wer diese Platte unerträglich findet, dem kann man wohl ebenso zustimmen wie demjenigen gegenüber vielleicht Verständnis entgegenbringen, der sie als genial einstuft. Die Wahrheit liegt oft in der Mitte oder leicht darunter oder ist, wie in diesem Fall, vielleicht auch gar nicht so schnell aufzudecken.


Andreas Haug
(4 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.ferdydoernberg.de

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