Menschen und Hintergründe

14.04.2010

„Wir freuen uns, dass es jetzt wieder losgeht“
Revolverheld-Sänger Johannes Strate im Gespräch
von Andreas Haug

- 50-60 Songs habe man für die neue CD geschrieben und dann die passenden ausgewählt, erzählt Johannes Strate, Sänger der Band Revolverheld zum neuen Album "In Farbe". Drei Jahre nach der Veröffentlichung von "Chaostheorie" und zwei Jahre nach ihrem bis dato letzten Hannover-Konzert im Capitol sind Revolverheld nun zurück und die Band freut sich sehr, so Johannes, dass es jetzt wieder losgeht. Zum Album-Release touren Revolverheld zunächst in für ihre Verhältnisse kleineren Clubs.

Tourstart ist am Dienstag, 13.April im seit Wochen restlos ausverkauften MusikZentrum in Hannover. Wenige Stunden vor der Premieren-Show der "In Farbe" Tour trafen wir Johannes Strate zu einem Interview in etwas improvisierter Atmosphäre, locker an einen LKW gelehnt bei strahlendem Sonnenschein auf dem groflen Parkplatz vor der Halle. Danke an Katharina Weske vom MusikZentrum für das Foto (rechts).

Rockszene.de:
Hallo Johannes, heute Abend ist hier im MusikZentrum Hannover der Auftakt eurer "In Farbe"-Tour. Ihr wart schon gestern hier, um zu proben. Wie lief es so und seid ihr ein bisschen aufgeregt?

Johannes Strate:
Gut, ja es lief gut. Wir freuen uns, wieder in Hannover zu sein und auch hier im MusikZentrum. Wir haben schon früher hier gespielt und haben den Tourauftakt bewusst auf Hannover gelegt um uns hier vorzubereiten, denn das MusikZentrum ist dafür eine prima Location und ja, ein bisschen aufgeregt ist man natürlich zum Tourstart, aber nicht nervös. Wir freuen uns auf heute Abend. Das Hannover-Konzert heute war übrigens das erste auf der Tour, das ausverkauft war.

Rockszene.de:
Es ist ein wenig Zeit ins Land gegangen. Es ist drei Jahre her, dass ihr euer bis dato letztes Album herausgebracht habt, zwei Jahre sind seit der letzten Tour und eurem letzten Hannover-Konzert vergangen. Nun sind das neue Album "In Farbe" und eure Single "Spinner" gleich gut eingeschlagen und laufen erfolgreich. Einige Leute sagen sogar, dass "In Farbe" das bislang beste Revolverheld-Album ist.

Johannes:
Das freut uns. Wir haben uns sehr viel Zeit für das Album genommen, zum Schreiben und zum Produzieren. Für die neue Platte haben wir rund 50-60 Songs geschrieben und dann entschieden, welche Tracks veröffentlicht werden sollen. Nun ist endlich alles fertig und wir sind froh und glücklich, dass jetzt wieder alles los geht und dass es so gut läuft.

Rockszene.de:
Ihr spielt auf der Tour im Vergleich zum letzten Mal eher kleinere Clubs. In Hannover hättet ihr für die heutige Show wahrscheinlich im Capitol doppelt so viele Menschen oder mehr vor der Bühne gehabt. Wollt ihr euch nach der Pause erstmal wieder an die Konzertszene herantasten und schauen, auf wie grofles Interesse die Band 2010 stöflt oder ist das so eine Art "Back To The Roots"-Entscheidung?

Johannes:
Womöglich hätten wir in einem gröfleren Club wesentlich mehr Publikum gehabt, das weifl man vorher ja nicht sicher. Wir wollten für diese Tour zunächst einmal bewusst in kleineren Clubs spielen. Wir mögen das, in richtig vollen Läden zu spielen, es ist ein tolles Gefühl, wenn die Konzerte ausverkauft sind, wir haben einen engeren Kontakt zu den Fans, also war die Entscheidung, erstmal lieber in kleineren Clubs zu spielen und im Anschluss an diese Frühjahrs-Tour neue Termine zum Herbst / Winter für gröflere Locations zu machen, was auch definitiv passieren wird.

Rockszene.de:
So um 2003/2004 herum wurden verstärkt junge Bands populär die wieder mit deutschsprachigen Texten an den Start gingen. Man sprach "im Verhältnis zur Neuen Deutschen Welle der 1980er-Jahr- von der "Neuesten Deutschen Rockwelle", einige vermuteten dahinter einen vorübergehenden Trend. Allerdings haben sich ja doch einige Bands "Revolverheld gehören wohl dazu- längerfristig etabliert. Ist das doch weit mehr als ein Trend?

Johannes:
Ja, ich denke schon. Das hat sich etabliert und ist nicht mehr als vorübergehender Trend zu sehen. Es hat anfangs eben ein bisschen gedauert, bis sich die Leute auf breiter Basis daran gewöhnt haben, Rock-und Popmusik mit deutschen Texten zu hören, vielen war die englische Sprache länger vertrauter. Ich finde es gut und auch wichtig, dass viele Bands die in deutscher Sprache singen, inzwischen längerfristiger und zunehmend erfolgreicher sind, die Musik verkörpert ja auch eine gewisse Identität eines Landes.

Rockszene.de:
Wie wichtig sind für euch soziale Netwerke im Internet? Nutzt ihr die bewusst zur Fanbase-Pflege und zur Promotion?

Johannes:
Ja, soziale Netwerke sind sehr wichtig, ob nun MySpace oder Facebook. Wir haben uns als Band schon immer stark um das Internet gekümmert. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, als die sozialen Netzwerke, den direkten Kontakt mit den Fans zu pflegen, direkt zu kommunizieren. Ich selbst bin immer sehr engagiert im Netz unterwegs, allerdings ist es dann auch mal wieder besser, das Handy aus der Hand zu legen und den Rechner auszuschalten, damit es nicht zu viel wird (lacht)

Rockszene.de:
Was denkst du, welches Netzwerk ist aktuell wichtiger oder am meisten genutzt, Facebook oder MySpace?

Johannes:
Facebook, ganz klar. Facebook hat in letzter Zeit MySpace den Rang abgelaufen. Über Facebook läuft wesentlich mehr, man bekommt viel mehr Resonanzen. MySpace ist aber auch eine coole Plattform, eher auf Musik spezialisiert.

Rockszene.de:
Was sollten deiner Meinung Bands mit Profiambitionen tun, wie sollten sie sich verhalten um ersehnte Kontakte zu Plattenfirmen und Bookingagenturen zu bekommen um richtig an den Start zu kommen? Es gibt ja Bands, die sozusagen an der Schwelle stehen, vielleicht schon eine amtliche Platte in der Hand haben, bundesweit auf kleinerer Ebene touren, aber noch nicht gesignt sindÖ

Johannes:
Es ist natürlich schwierig, keine Frage. Ich bin nun auch nicht der Messias, der exakt sagen kann: So geht es, so müsst ihr das machen. Ich denke, man muss immer schreiben, viele Songs schreiben, sich immer wieder anbieten, Konzerte spielen, touren, am Ball bleiben. Irgendwann gibt es dann vielleicht DEN Song, der im Radio gespielt wird oder worauf ein A+R-Manager eines Labels aufmerksam wird.
Man kann vieles auch aus eigener Kraft schaffen, wie es zum Beispiel die Band Luxuslärm, die uns ja auch supportet hat, geschafft hat, die mit sehr viel Eigeninitiative an den Start gegangen sind, ihre erste Platte selbst herausgebracht haben und immer oft aufgetreten sind. Mir kommt es manchmal so vor, dass einige Newcomerbands auch ein Stück weit bequem sind, für ihre erste Platte nur zwölf Songs schreiben und dann darüber nachgrübeln, ob es denn Sinn macht, kreuz und quer durch Deutschland zu touren, nur "wenn überhaupt- für kleines Geld und ohne nennenswerte Gagen. Aber ja, genau so ist das, genau so sollte man es tun.

Rockszene.de:
Gehört nicht obendrein auch sehr viel Glück dazu und nicht nur Können, quasi "entdeckt" zu werden, "es zu schaffen"?

Johannes:
Ja klar, Glück gehört natürlich auch dazu, aber vor allem auch eine gewisse Hartnäckigkeit seitens der Bands. Man muss es wirklich wollen.

Rockszene.de:
Nun mal eine Frage zum Alter. Zwei Bandmitglieder von Revolverheld werden in diesem Jahr 30, du bist im März 30 geworden, andere sind schon leicht drüber. Das Alter 30 war ja zumindest früher, gerade im Musikumfeld, eine Art magische Grenze, eine Art Wendepunkt, der definitive Abschied von der Jugend. Einige Musiker sehen ihrem 30.Geburtstag mit reichlich Skepsis entgegen, und seit einigen Jahren spricht man in Deutschland bei 25-30 Jahren von der "Quarter-Life-Crisis". Kann man auch mit 30 Jahren oder darüber noch frische Musik machen? Wie fühlt sich das bei dir an? Der Opener-Song eures neuen Albums trägt den Titel "Ich werde nie erwachsen". Ihr scheint euch mit dem Thema zu beschäftigenÖ

Johannes:
Oh ha (lacht). Ja, ich habe mir vor meinem 30.Geburtstag auch sehr viele Gedanken gemacht, über das, was in den letzten Jahren so passiert ist, mit der Entwicklung von Revolverheld, die ganzen Touren und Shows, da ist ja wahnsinnig viel passiert. Aber alles ist ein stetiger Prozess, 30 zu werden ist letztlich nicht mehr, als einen weiteren Geburtstag zu feiern und dann geht es weiter. Klar, man merkt schon, dass man nicht mehr Anfang 20 ist, aber das Lebensalter spielt meines Erachtens keine Rolle, wenn man gute Musik machen will.
Eine Band, die ich zu meinen Helden zähle "Pearl Jam- deren Mitglieder gehen auf die 50 zu und was haben die im letzten Jahr für ein tolles, hochenergetisches neues Album abgeliefert. "Backspacer" ist super-frisch, die Single "The Fixer" groflartig, das ganze Album hat keinen Hänger, jeder Song ist ein Hit. Pearl Jam und vor allem auch Eddie Vedder sind für mich das beste Beispiel, dass Alter keine Rolle spielt, wahrscheinlich werden die auch noch mit 70 cool sein (lacht). So gesehen wird man also nie wirklich erwachsen.

Rockszene.de:
Zum Abschluss eine formale Frage, eure Herkunft betreffend. In der offiziellen Schreibweise geltet ihr als Hamburger Band. Meines Wissens seid ihr aber vor eurem Durchbruch in der Bremer Musikszene unterwegs gewesen und ich kenne einige Leute in Bremen, vor allem einige Lokalpatrioten, die es nicht gut finden, es vielmehr nicht verstehen, warum Revolverheld, seit sie populär und erfolgreich sind, als "Hamburger Band" präsentiert werden.Wie ist das denn nun wirklich?

Johannes:
Ganz einfach, ich komme aus Bremen, die anderen aus Hamburg, somit steht es 1:4 (schmunzelt). Nein, ganz klar, wir waren schon immer in beiden Szenen sehr aktiv, ich habe meine Kontakte im Raum Bremen gepflegt, die anderen ihre Kontakte in Hamburg und so haben wir sowohl viel in der Bremer Ecke unter anderem mit Bands wie The delNiros oder Everlaunch gespielt, als auch sehr viel in der Hamburger Szene.
In Hamburg haben wir dann unseren Manager getroffen, der schon immer ein Freund von uns war (Sascha Stadler " d.Verf.), der sich um ganz viel gekümmert hat, sehr viele wichtige Kontakte aufgebaut hat, bis es dann letztlich geklappt hat mit Revolverheld. Man kann sagen "und das finde ich auch gut- dass in unserem Fall beide Szenen, wenn man es so nennen will, zusammengeführt wurden, wir sind ja auch für Bremen im Jahr 2006 beim Bundesvision Songcontest angetreten.

Rockszene.de:
Wunderbar, vielen Dank, dass das mal aufgeklärt wurde und dann auf einen guten Tourstart heute Abend im MusikZentrum.

www.revolverheld.info nach oben | zurück