Menschen und Hintergründe

04.04.2009

„Ich möchte Musik machen, die mich selbst interessiert“
Ein Interview mit Porcupine-Tree-Mastermind Steven Wilson
von Jan Hagerodt

- Die Uhr zeigt 19:30 Uhr MESZ an und meine Hände verkrampfen sich leicht schwitzig um das Telefon, in das ich gerade die Privatnummer von Steven Wilson eintippe. Der Kopf von Porcupine Tree hat mich gebeten um genau diese Uhrzeit anzurufen, damit wir ein Interview zu seinem ersten Solo Album "Insurgentes" führen können.

"TutÖTutÖTut" niemand nimmt ab. Dann springt die Mailbox an und eine sympathische Stimme sagt in feinstem Londoner Englisch: "Hallo, hier ist Steven Wilson, ich bin gerade nicht da, aber ihr könnt mir gerne eine NachrÖ" Schnell lege ich auf. Stimmt da etwas was mit der Uhrzeit nicht? Ich warte zwei Minuten und wähle wieder.

"Hallo, hier ist Steven!" schallt es mir entgegen, "Hallo, hier ist Jan aus Deutschland" antworte ich leicht dämlich. "Oh Jan, Hi! Kann ich Dich bitten in zehn Minuten noch einmal anrufen, ich hänge zeitlich mit den Interviews ein bisschen hinterher und habe gerade noch jemanden in der anderen Leitung. Ist das ok für Dich?"

Na klar ist das ok für mich. Dieser Mann ist immerhin eines meiner gröflten Idole und dass ich den irgendwann mal am Telefonhörer habe, hätte ich mir sowieso nie träumen lassen. Eine Stress-Zigarette später wähle ich also erneut.

Rockszene.de:
Hi Steven, Jan aus Deutschland noch einmal hier!

Steven Wilson:
Hi Jan, vielen Dank, dass Du noch einmal angerufen hast und sorry für die Verspätung. Jetzt können wir aber loslegen!

Rockszene.de:
Kein Problem! Dann wollen wir mal starten. Zuerst möchte ich Dich natürlich fragen wie es Dir geht.

Steven Wilson:
Vielen Dank, mir geht es sehr gut!

Rockszene.de:
Du warst vor kurzem mit Deinem Blackfield Kollegen von Aviv Geffen auf Tour und hast unter anderem Konzerte in Hamburg, München und Berlin gespielt. Welche Show war am Besten?

Steven Wilson:
Oh, das ist schwer zu sagen, dass ist ja jetzt schon wieder ein paar Wochen her (lacht). Es war toll mal wieder als Mitglied einer Band und nicht als Frontmann unterwegs zu sein. Lass es mich so sagen, es war insgesamt eine tolle Tour. Jede Stadt hat ihren bestimmten Reiz, Berlin ist wieder ganz anders als Stuttgart oder München, überall ticken die Leute verschieden.

Rockszene.de:
Und was hältst Du von den deutschen Fans im Allgemeinen? Sind wir wirklich so stocksteif wie viele behaupten?

Steven Wilson:
Nein, überhaupt nicht! Ich mag die Deutschen sehr, nicht nur als Fans. Ich hatte schon immer eine tiefe Bindung zu Deutschland und bin begeistert wie viele Menschen sich hier auf Neues einlassen.

Rockszene.de:
Das wahrscheinlich momentan wichtigste Thema für Dich ist Dein erstes Solo Album. "Insurgentes" wurde am 6. März in Deutschland veröffentlicht. Was für Reaktionen hast Du bisher auf das Album bekommen?

Steven Wilson:
Es ist wahrscheinlich die beste Rückmeldung die ich bisher je bekommen habe. Über 90% aller Kritiken sind total positiv, das ist schon fast beängstigend. Und dass, obwohl ich dieses Mal überhaupt keine Erwartungen hatte. Vielleicht liegt es auch genau daran, nämlich dass niemand Erwartungen an mich hatte und ich deshalb alle nur positiv überraschen konnte. Als Solokünstler startest Du ja quasi bei null, das ist etwas ganz anderes als zum Beispiel bei Porcupine Tree. Da ist die Erwartungshaltung von Presse, Plattenfirma und natürlich besonders bei der Fanbase schon manchmal riesig und kann Dir ganz schön Probleme machen. Wobei ich das jetzt auf keinen Fall schlecht reden will. Ohne die Erfolge mit Porcupine Tree oder meine Erfahrungen durch die Band hätte ich dieses Album niemals so schreiben und veröffentlichen können. Nicht vor zehn und auch nicht vor fünf Jahren.

Rockszene.de:
"Veneno Para Las Hadasî ist einer meiner Favoriten Songs auf dem Album. Wenn meine Informationen richtig sind, hat Dich ein alter mexikanischer Horrorfilm zu dem Song inspiriert. Wie wichtig ist die Story hinter einem Song für Dich?

Steven Wilson:
Es ist nicht wirklich ein Horrorfilm, obwohl es wahrscheinlich kein Film ist, den Eltern ihren Kindern freiwillig zeigen würden (lacht). Es ist vielmehr eine düstere Art von Kinderfilm. Ein mexikanischer Freund hat ihn mir gezeigt. Ich mag es mich von solchen Dingen inspirieren zu lassen, aber Voraussetzung für einen Song ist das nicht. Es sind viel eher musikalische Geschichten. Ich mag es, Menschen zu überraschen, mag es, wenn Songs sich von einem wunderschönen, ruhigen Riff in ein totales Krach Inferno steigern. Ich biete quasi eine musikalische Reise an.

Rockszene.de:
Deine Musik ist ja meistens nicht das, was man allgemein als "easy listening" bezeichnen würde. Ist es Deine Intention, anspruchsvolle Musik zu schreiben, oder ist das etwas, was einfach so aus Dir heraus sprudelt? Werden wir jemals einen drei Minuten Pop Song von Steven Wilson hören?

Steven Wilson:
Ich möchte einfach Musik machen die mich selbst interessiert, sowohl als Produzent, als auch als Künstler und das tut klassische Popmusik meistens einfach nicht. Was bringen einem drei Minuten Songs, in denen man genau das hört, was man schon 1000mal zuvor gehört hat. Das hinterlässt nichts. Ich versuche zu experimentieren, mich weiter zu entwickeln, etwas zu schaffen, das man auch nach 50 oder 100 Jahren gerne wieder hervorkramt, wie ein gutes Buch oder ein Gemälde beispielsweise. Musik ist meine Leidenschaft, warum sollte ich die aufgeben?

Rockszene.de:
Ich war auf einem Konzert der "Lightbulb Sun Tour" 2001 mit Porcupine Tree. Ihr habt auch einen Gig in Göttingen, meiner damaligen Heimatstadt gespielt. Damals waren jedoch nur zirka 20 Besucher da, heute spielst Du immer vor mindestens 1000 Leuten. Was denkst Du, wenn Du Dich heute an die Anfänge Deiner Karriere zurück erinnerst? Was hat sich verändert?

Steven Wilson:
Natürlich war es damals schon mal frustrierend und hat einen runtergezogen, vor allem weil man wusste, dass es viel mehr Leute begeistern würde, wenn sie die Chance hätten die Musik zu hören. Aber ich würde meine Karriere nicht gegen "Über-Nacht-Berühmtwerden" eintauschen. Wir haben unsere Fanbase langsam aufgebaut und stetig vergröflert und nur so kann das langfristig funktionieren, denke ich. Sieh mal, wenn wir ein Jahr später wieder gekommen sind, waren wahrscheinlich nicht nur 20 Leute da, sondern 40 und die bringen wieder ihre Freunde mit und beim nächsten Mal sind es dann 60...

Rockszene.de:
Öbei diesem Beispiel muss ich Dich leider enttäuschen, der Laden hat zwei Jahre später Pleite gemachtÖ

Steven Wilson:
Oh, das tut mir leid!! Ich hoffe das lag nicht nur an unseren schlechten ZuschauerzahlenÖ

Rockszene.de:
...nein, ich denke nicht! Du hast "Insurgentesî überall auf der Welt aufgenommen, unter anderem in Japan, den USA und Mexiko. Was konntest Du auf Deiner Reise für Erfahrungen sammeln?

Steven Wilson:
Ich versuche generell immer frische und neue Eindrücke zu sammeln. Das Album wäre ganz anders geworden, wenn ich es zuhause in London aufgenommen hätte (lacht). Das Herzblut meiner Arbeit ist das Kennenlernen von Menschen und ihren Geschichten, das Sammeln von Erfahrungen. Das Album ist also irgendwie eine Art "Road Trip" geworden.

Rockszene.de:
Und was hörst Du im Moment? Gibt es eine bestimmte Band, die Deinen Stil beeinflusst?

Steven Wilson:
Komischerweise fragen mich die Leute immer wieder, was meine Einflüsse sind. Ich denke, beeinflusst wirst Du hauptsächlich in jungen Jahren, als Teenager wahrscheinlich am meisten. Wenn Du irgendwann ein gewisses Alter erreichst hast, hört das auf. Ohne das arrogant zu meinen, aber mittlerweile ist meine eigene Musik wahrscheinlich der gröflte Einfluss und zwar in der Hinsicht, dass ich versuche, mich nicht zu wiederholen. Aber na klar habe auch ich meine "musikalische DNA". Als Teenie habe ich viel Progressive- und Psychedelic- Rock gehört, aber auch Jazz, Krautrock und vieles mehr. Heutzutage gibt es natürlich aber immer noch Künstler, die mich begeistern und ich komme auch immer wieder auf Bands zurück und "verliebe" mich quasi neu, aber einen direkten Einfluss könnte ich Dir jetzt nicht nennen.

Rockszene.de:
Besonders Deine Arbeit mit Opeth hat Deinen Ruf als einzigartiger Produzent zementiert. Ist diese Abwechslung wichtig für Deine Kreativität? Was gefällt Dir besser, die Arbeit hinter oder vor dem Mischpult?

Steven Wilson:
Auf jeden Fall beides. Es ist genau diese Abwechslung die meine Arbeit als professioneller Musiker spannend macht. In diesem Kreislauf gibt es immer wieder verschiedene Situationen, ähnlich wie den Wechsel der Jahreszeiten. Mal bist Du im Studio und hast keinen Kontakt zu Fans, Plattenfirma und so weiter, dann machst Du Promotion für das Album und redest mit Journalisten wie mit Dir (lacht), dann gehst Du auf Tour und triffst tausende neue Menschen. Wenn ich immer nur eins davon hätte, würde ich wahrscheinlich schnell die Schnauze voll davon haben, doch die Mischung macht es groflartig.

Rockszene.de:
Steven, Du bist jetzt 41 Jahre alt. Denkt man da nicht manchmal daran sich irgendwo niederzulassen, zu heiraten und eine Familie zu gründen? Hat man von dem ganzen Rock¥n Roll Zirkus nicht irgendwann genug?

Steven Wilson:
Klar denkt man über so etwas nach, aber ich glaube ich habe für mich selbst heraus gefunden, dass ich nicht so jemand bin, der das braucht um glücklich zu sein. Manchmal fragt man sich schon ob man anders ist oder einfach nur fertig. Ich habe zwar eine Freundin und so, aber ich empfinde auch keinen Verlust bei dem Gedanken daran nicht zu heiraten oder keine Kinder zu haben. Das ist vielleicht nicht für jeden was.

Rockszene.de:
Natürlich wollen wir auch etwas über Deine neuen Projekte wissen. Wie sieht es mit dem neuen Porcupine Tree Album aus? Oder gefällt Dir diese Solo Geschichte so gut, dass Du da jetzt weiter machst?

Steven Wilson:
Wir sind mit den Aufnahmen für das neue Porcupine Tree Album sogar schon halb durch! Es wird cool, etwas weniger Metal und wieder mehr Classic Rock Anleihen. Auf jeden Fall wird es episch, auf einer Cd werden wir wahrscheinlich über 50 Minuten Musik in einem Song verpacken. Veröffentlicht wird es wahrscheinlich im September. Ansonsten will ich aber gerne auch noch ein zweites Solo Album machen und vielleicht sogar ein drittes, wenn man mich lässt (lacht)!

Rockszene.de:
Dann drück ich Dir dafür die Daumen (lacht). Hast Du jetzt Feierabend, oder musst Du weiter Interviews geben?

Steven Wilson:
Eins muss ich noch machen, dann ist erstmal Schluss für heute.

Rockszene.de:
Dann viel Spafl, viel Erfolg weiterhin, alles Gute für Dich und hoffentlich bis bald! Danke Dir für dieses Interview!

Steven Wilson:
Ich danke Dir! Schönen Abend für Dich und bis zum nächsten Mal!

www.insurgentes.org
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