Menschen und Hintergründe

17.02.2009

“Wir können tun was wir wollen“
Pete Trewavas von Marillion im Interview
Von Jan Hagerodt

- Nimmt man die gesamte, mehr als 25-jährige Karriere der britischen Progressive-Rock-Band Marillion als Grundlage, könnte man zu dem Schluss kommen, die Band hätte mindestens zwei Leben. Eines lebte man bereits in den Achtzigern, zu Zeiten mit Leadsänger Fish. Major-Deal, Touren durch grofle Hallen, Festival-Headliner-Shows, Stadionkonzerte mit Queen, hohe Chartnotierungen, goldene Schallplatten, regelmäflige Radio und TV-Einsätze. Das andere Leben entwickelte sich im Anschluss in den Neunzigern mit Leadsänger Steve Hogarth. Langsam aber stetig.

Bis heute haben Marillion ihre Musik ihren künstlerischen Auftritt, ihr Gesamtkonzept mehr und mehr weiterentwickelt, verändert und modernisiert. Man ist unabhängig und künstlerisch frei, hat sein eigenes Label, organisiert Album-Aufnahmen, Vertriebswege, Promotion und das Tourbooking auf zum Teil alternativen Wegen. Die Band ist "indie" in der ursprünglichen Bedeutung. Anno 2009 lockt man zu den Konzerten nicht nur die treuen Fans reiferen Alters, auch von vielen jüngeren Leuten und Jugendlichen werden Marillion geschätzt. Die Band wird von mindestens zwei Generationen gehört. Einige mögen Marillion über Umwege kennen gelernt haben, vielleicht über Radiohead, Coldplay oder Keane, denn diese drei Schwergewichte der Musikszene berufen sich hinsichtlich ihrer Inspirationsquellen auf Marillion.

Am Samstag, dem 14.Februar 2009 spielten Marillion ihr einziges Konzert der laufenden "Happiness Is The Road"-Tour in Norddeutschland in der Hamburger Markthalle. Rockszene.de-Autor Jan Hagerodt traf am Nachmittag den Bassisten Pete Trewavas zum Interview.

Rockszene.de:
Hi Pete, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Wie mir Euer Tourmanager verraten hat kommst Du gerade vom Joggen?

Pete Trewavas:
Nee, ich komme grad vom Saturn hier um die Ecke (lacht). Normalerweise mache ich zusammen mit Mark (Anmerkung d. Redaktion: Mark Kelly/ Keyboards) regelmäflig ein bisschen Sport. Du brauchst irgendeinen Ausgleich bei dem anstrengenden Tourleben. Immer nur feiern und Musik machen hält man nicht lange durch.

Rockszene.de:
Zuerst möchte ich natürlich wissen wie es Dir geht. Wie läuft die Tour? Ihr wart vorgestern in Berlin und davor in Polen und Tschechien, wenn ich richtig informiert bin.

Pete Trewavas:
Das ist richtig. Die Tour läuft wunderbar und mir geht es gut, danke der Nachfrage! Die Konzerte in Polen waren anstrengend, weil wir die Nächte durchgefahren sind und dementsprechend im Bus schlafen mussten. Die Autobahnen in Polen sind grausam, die reinste Buckelpiste. Die Menschen dort sind aber groflartig. Wir waren in Krakau, Warschau und Danzig. Warschau war gut, Danzig war noch besser, obwohl wir dort das letzte Mal vor bestimmt zwölf Jahren waren, aber Krakau hat sie alle noch übertroffen. Berlin war ebenfalls gut, wir sind mehr als zufrieden bisher.

Rockszene.de:
Gestern hattet ihr dann einen Tag Pause. Was macht ein Pete Trewavas an einem Freitag, den 13.? Bist Du sehr abergläubisch oder hast Du Dich aus dem Hotel heraus getraut?

Pete Trewavas:
Oh, ich bin abergläubisch, in der Tat. Allerdings bin ich vor der Tür gewesen, denn wir waren mit der kompletten Crew essen. Es hat sich so eingebürgert, dass wir am letzten "Day-Off" mit allen gemeinsam einen netten Abend verbringen. Ich hatte zwar ein bisschen Angst wegen des Datums, aber es ist nichts Schlimmes passiert (lacht).

Rockszene.de:
Man sieht sehr deutlich, dass die Chemie bei Euch stimmt. Wie schafft ihr es, dieses Gefühl aufrecht zu erhalten? Habt ihr nicht manchmal Lust alles hin zu schmeiflen und etwas vollkommen anderes zu machen?

Pete Trewavas:
Ja, das wundert mich auch manchmal. Ich weifl auch nicht, warum das in dieser Band so passiert, wie es passiert. Wenn wir uns zusammen in einen Raum setzen, dann passt einfach alles. Und das ist unheimlich wichtig für das intensive Gefühl, dass wir mit unserer Musik erzeugen wollen. Du kannst vielleicht Radio Popnummern schreiben, obwohl Du Dich nicht ausstehen kannst, wenn Du aber versuchst etwas Tiefergehendes zu kreieren, muss es auch menschlich stimmen. Ich denke der Respekt voreinander, als Mensch und als Musiker, ist unheimlich wichtig. Klar haben wir alle unsere Unterschiede und jeder rastet mal aus, aber wir sind sehr gute Freunde und können sehr kreativ zusammen arbeiten.

Rockszene.de:
Lass uns über Euer neues Album "Happiness Is The Roadî reden. Euer Songwriting, besonders bei diesem Album, lief hauptsächlich über gemeinsames "Jammen" ab. Kannst du uns ein bisschen erzählen, wie die Aufnahmen vonstatten gingen?

Pete Trewavas:
Na klar! Wir hatten noch einige Songideen von unserem letzten Album "Somewhere Elseî übrig, allerdings fanden wir, dass das Material nicht stark genug für ein komplettes Album war. Unser Produzent Michael Hunter sagte zu uns daraufhin "Warum kommt ihr nicht einfach ins Studio und jammt" und das haben wir dann getan. Jeden Tag kam ein neues Stück Musik dazu, die Songs wuchsen und wuchsen. Natürlich ist es ungeheuer komfortabel diese Zeit zu haben und nicht durch die Zwänge einer Plattenfirma limitiert zu sein und wir sind sehr glücklich darüber. Denn nur dadurch konnten wir soviel gutes Material schreiben und letztendlich sogar ein Doppelalbum produzieren.

Rockszene.de:
Gibt es denn einen Track auf dem neuen Album, den du besonders magst? Oder auf der anderen Seite sogar einen, ohne den Du auskommen könntest?

Pete Trewavas:
Oh, das ist nicht einfach. Natürlich verändert sich das auch ständig. "The Man From The Planet Marzipan" ist immer noch einer meiner Favoriten, "Essence" ist ebenfalls groflartig. "Asylum Satellite #1" ist für mich auch ein Höhepunkt, vor allem, wenn diese Akkorde einsetzen, wow!! Das ist wirklich das Herzstück von Marillion, das Du da hörst. Manche Songs, die mich in der Album Version nicht komplett einnehmen, tun das dann live und anders herum. Wenn ich einen Song zum Streichen auswählen müsste, würde ich wahrscheinlich "Real Tears For Sale" nehmen, obwohl ich den Text groflartig finde.

Rockszene.de:
Die nächste Frage ist leider unausweichlich und ich möchte mich bei Dir auch schon im Vorfeld dafür entschuldigen...

Pete Trewavas:
Öich habe ein Getränk in der Hand. Sei also vorsichtig was Du sagst (lacht)!

Rockszene.de:
...nein, nein, so schlimm wird es nun auch wieder nicht. Wie siehst Du das heute: "Kayleigh", euer gröflter Hit. Ein Fluch oder ein Segen?

Pete Trewavas:
Ah, jetzt weifl ich worauf Du hinaus willst (lacht). Ich müsste bescheuert sein, wenn ich mich über einen Radio Hit beschweren würde, denn einen Hit zu haben, ist schon eine verdammt tolle Sache. Das schlimme an solch einem Erfolg ist, dass man zum ersten Mal den Einfluss der Plattenfirma zu spüren bekommt. Die dominieren von da ab alles. Was Du schreibst, wie du dich anzuziehen hast, was du wann tun sollst. Einer Plattenfirma geht es logischerweise immer um den Profit und selten um künstlerische Dinge. Wir sind deshalb froh, heute unabhängig und künstlerisch frei zu sein. Wir können tun was wir wollen. Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen, die sich nicht näher mit Musik beschäftigen uns natürlich immer noch auf "Kayleigh" und Fish (Anmerkung d. Redaktion: Ex-Sänger) reduzieren und das wird leider so bleiben, bis man einen noch gröfleren Hit geschrieben hat. Das ist natürlich frustrierend, vor allem nach so vielen groflartigen Jahren zusammen mit Steve Hogarth. Ich denke er bekommt generell nicht die Anerkennung, die er verdient hätte.

Rockszene.de:
Ich habe mir Euer Video zur Produktion von "Happiness Is The Road" angeschaut und ich mag Dein Statement dort. Du sagst: "Wir sind nicht hier um ein Produkt zu verkaufen, sondern wir sind hier um etwas Einmaliges und Phänomenales zu schaffen". Heutzutage findet man so eine Einstellung leider selten, meistens geht es doch eher darum das schnelle Geld zu machen. Hast Du einen Tipp für junge Bands, die bekannt werden wollen ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben?

Pete Trewavas:
Ich denke die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit ist oft ein grofles Problem. Das Internet ist ebenfalls ein zweischneidiges Schwert. Obwohl es viele Möglichkeiten gibt es positiv für sich auszunutzen, als Werbefläche und so weiter, sorgt es auch dafür, dass eine schnelle Übersättigung der Menschen stattfindet. Es ist sicherlich keine einfache Zeit für Musiker, die es wirklich ernst meinen. Junge Bands sollten in jedem Fall aufpassen, das sie nicht alle Rechte rausgeben. Heutzutage versuchen Plattenfirmen oft Verträge abzuschlieflen mit denen sie alles kontrollieren können und überall beteiligt sind. Seien es nun die Rechte an der Musik, oder am Merchandising oder was auch immer.

Rockszene.de:
Als ihr "Happiness Is The Roadî veröffentlicht habt, konnte man das Album nur über das Internet ordern, mittlerweile läuft der körperliche Vertrieb über Eure alte Plattenfirma EMI. Ist das nicht ein Schritt zurück? Wie erklärst Du diese Maflnahme?

Pete Trewavas:
Irgendwie ist es sicherlich ein kleiner Schritt zurück, das stimmt schon. Allerdings haben wir von vielen unserer Fans das Feedback bekommen, dass sie lieber in ein Geschäft gehen um eine Cd zu kaufen, als es über das Internet zu bestellen. Dazu kommt das Problem, dass man in vielen Ländern mit den dort gültigen Kreditkarten keine Waren aus Groflbritannien bestellen kann. Natürlich wollten wir dem Wunsch unserer Fans nachkommen und haben uns deshalb für diesen Weg entschieden.

Rockszene.de:
Ihr werdet von vielen jüngeren Bands mittlerweile als Einfluss genannt und habt euch in den vergangenen Jahren ein sehr junges Zielpublikum erschlieflen können. Wie stolz seid Ihr auf diesen Umstand?

Pete Trewavas:
Natürlich sind wir sehr stolz darauf. Es ist toll zu sehen, wie viele Menschen wir mittlerweile erreichen, egal ob alt oder jung und welchen Einfluss man auf die musikalische Entwicklung anderer Bands offensichtlich hat. Groflartige Bands, wie z.B. Radiohead, Coldplay oder Keane nennen uns als Inspirationsquelle und das ist wunderbar. Es gibt nur zwei Gründe warum man in diesem Geschäft aktiv sein will. Entweder man will berühmt werden oder man liebt Musik und möchte etwas für die nachfolgenden Generationen hinterlassen. Plattenverkäufe, Grammys oder Musik Awards sind nur Medien gesteuert. Ich finde es viel wichtiger, dass wir als Band immer noch existieren und uns weiter entwickeln.

Rockszene.de:
Kannst Du mir im Gegenzug drei Bands nennen, die Dich am meisten beeinflusst haben?

Pete Trewavas:
Das ist schwer zu beantworten, denn ich versuche mir aus so ziemlich jeder Musik das Beste herauszuziehen. Viele Einflüsse stammen sicherlich aus meiner Kindheit. Ich mochte Jazz Musiker wie Miles Davis, aber auch Paul McCartney oder Mike Rutherford. Elbow oder auch Caravan sind ebenfalls Bands, die ich als Einfluss nennen würde. Aber ich höre auch Trance, Drum ¥n Bass, HipHop und natürlich den gesamten Progressive Bereich. Ich habe auf jeden Fall niemals jemanden kopieren wollen, ich habe immer nur versucht ich selbst zu sein. Ein Mensch, den ich heutzutage bewundere ist zum Beispiel der Produzent von Eminem. Der Typ ist einfach groflartig. Ich versuche generell immer dran zu bleiben, denn ich liebe Musik.

Rockszene.de:
Gibt es für Dich einen Ort auf der Welt den Du am meisten magst?

Pete Trewavas:
Sri Lanka ist ein solcher Ort für mich und dass, obwohl ich noch nie dort war (lacht). Ich mag auflerdem Barbados sehr gerne, dort war ich mal im Urlaub, einfach toll.

Rockszene.de:
Gibt es denn auch einen Ort in Deutschland den du magst?

Pete Trewavas:
Ohhh, na klar (grinst). Deutschland ist cool. Hamburg ist natürlich toll. Zumindest zum Shoppen und wegen der Reeperbahn (lacht). Berlin ist auch interessant. Ich finde aber, dass das Flair seit der Maueröffnung nachgelassen hat. Früher war die Stadt irgendwie lebendiger. Wie heiflt noch diese Stadt an der belgischen Grenze, ähÖ

Rockszene.de:
ÖAachen!?

Pete Trewavas:
Genau! Aachen ist sehr schön. Stuttgart ebenfalls, besonders im Sommer.

Rockszene.de:
Und was ist mit Hannover?

Pete Trewavas:
Ah, das ist Deine Heimatstadt nicht wahr? Hannover ist auch schön, vielleicht ein bisschen wie ein kleines Hamburg!?

Rockszene.de:
Das lassen wir einfach mal so stehen. Dann würde es ja eigentlich mal wieder Zeit für ein Marillion Konzert in Hannover werden, oder? Das letzte Mal ist bestimmt schon neun Jahre her, damals wart ihr im Capitol.

Pete Trewavas:
Ja, ich erinnere mich! War das das mit den furchtbaren sanitären Einrichtungen? Die Duschen waren eine Katastrophe. (Grübelt) Hmm, vielleicht irre ich mich aber auch. Wir kommen in jedem Fall gerne wieder, natürlich muss dass aber unser Management checken. Vielleicht sind Eure Hallen in Hannover von der Miete her einfach zu teuer (lacht).

Rockszene.de:
Wir werden mal schauen was wir da machen können! Vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg weiterhin. Passt gut auf Euch auf!

Pete Trewavas:
Ich danke Dir. Alles Gute für Dich und schöne Grüfle an die Hannoveraner!

Links zum Thema:
www.marillion.com
www.myspace.com/marillion

Foto: Alexander Geilfus nach oben | zurück