Menschen und Hintergründe

13.08.2008

Künstler signen Label - Innovative Modelle für Newcomer
Martin Kleemann von Artist Station Records im Interview
von Andreas Haug

- Die Ausgangssituation ist seit Jahrzehnten unverändert. Unzählige talentierte Bands musizieren, schreiben mehr oder weniger spannende und unterhaltsame Songs, spielen live und streben irgendwann in das professionelle Musikgeschäft. Und auch wenn die Motivation seitens der Bands nicht in erster Linie das Verdienen des ganz groflen Geldes oder das Erreichen eines Rockstarstatus ist, so will man mit amtlichen Album-Veröffentlichungen bei einem gröfleren Publikum wahrgenommen werden, es vielleicht doch mal auf die groflen Festivals des Landes schaffen, zusammenhängende Touren in gut gefüllten Clubs spielen und den Merchandise-Stand ausverkaufen.

Die Musiker, die Bands sind für die Kunst zuständig, alles Weitere müssen professionelle Partner erledigen. Eine Konzertagentur muss her, eine Plattenfirma, ein Plattenvertrag, eine Albumveröffentlichung und dieses Album muss in den Medien besprochen werden, die Musiker in Magazinen präsent sein, die Songs im Radio laufen. So stellen sich der noch wenig mit den Mechanismen und der aktuellen Situation im Musikgeschäft vertraute Newcomer häufig den Lauf der Dinge vereinfacht vor. Dass es eher ein äuflerst schwieriges Unterfangen ist, einen vernünftigen Plattenvertrag zu bekommen, dass es auch oft mit ganz viel Glück und nicht immer mit Können zu tun hat, wenn man sein Album professionell veröffentlichen kann, ist den meisten dagegen ebenfalls bekannt. Was also tun?

Das in Hannover ansässige Label Artist Station Records will mit innovativen Modellen der CD-Veröffentlichung die deutsche Musikszene aufmischen und vor allem auch Newcomern eine Alternative sein, respektive erstmal die Möglichkeit bieten, ein Album professionell auf den Markt zu bringen. Frei nach dem Motto: Nicht das Label signt die Band, die Band signt das Label. Aber auch etablierte, langjährig erfolgreiche Bands mit Geschichte wie Die Schröders oder Boppin¥B. arbeiten mit Artist Station Records, deren Büro sich im international renommierten Horus Sound Studio in Hannover befindet. Das lässt vielfältige und gute Kontakte und ein engmaschiges Netzwerk vermuten.

Andreas Haug traft den gut gelaunten Artist Station Records-Boss Martin Kleemann am 8.August 2008, einen Tag zuvor war die Artist-Station-Band P:LOT auf Platz 1 der MTV-TRL-Charts gelandetÖ

Rockszene.de:
"Veröffentlicht euch selbstî springt es einem auf der Website von Artist Station Records entgegen. Das klingt nach einer Alternative zu herkömmlichen Plattenfirmen. Was ist das Besondere an eurem Label-Konzept, was ist anders bei Artist Station Records?

Martin Kleemann:
Wir bieten in der Tat Alternativen zu der bislang bekannten Form von Tonträger-Veröffentlichungen. Artist Station versteht sich als Dienstleister, als Partner der Bands, die ihre Songs im Kasten haben und anstreben, ihr Album herauszubringen und zu verkaufen. Du kannst es auch Agentur für Labeldienstleistungen nennen.

Normalerweise verpflichtet eine Plattenfirma eine Band mittels Vertrag, in unserem Fall signen die Bands uns. Es wird mit jeder Band, mit jedem Einzelkünstler vor der Veröffentlichung individuell besprochen, was exakt Artist Station Records im Zuge des Gesamtprozesses für Aufgaben übernehmen soll. Sind die Aufnahmen einmal abgeschlossen, geht es ja um Themen wie Produktmanagement, CD-Pressung, Timing der Promotionaktivitäten und Vertrieb. Das alles steuern wir aus einer Hand und halten der Band in Zusammenarbeit mit unseren Promotion-Partnern sowie unserem physischen und digitalen Vertriebspartner, so zu sagen den Rücken frei. Wir können dabei unsere Leistungen modular anbieten. Hat beispielsweise eine Band Verbindungen zu bestimmten Leuten im Musikgeschäft, wünscht die Promotion über eine bestimmte Agentur, wird das berücksichtigt.

Rockszene.de:
Viele Bands fühlen sich nicht sicher, wenn es um den Abschluss von Verträgen im Musikgeschäft geht. Sie haben Angst, ihre künstlerische Freiheit zu verlieren, fürchten oft angeführte Knebelverträge und Einmischung seitens Plattenfirmen wie der Teufel das Weihwasser. Wie ist das bei euch mit den Verträgen und der Einflussnahme geregelt?

Martin:
Wir arbeiten mit dem Künstler respektive den Künstlern auf Augenhöhe zusammen. Ganz wichtig: Die Bands behalten alle Rechte an ihrem Produkt, die Vertragslaufzeit umfasst nur die konkrete CD-Veröffentlichung. Letztlich haben mit unserem Modell die Bands die Möglichkeit, aktiv an der Planung ihrer Veröffentlichung teilzunehmen und u.U. auch mehr zu verdienen.

Rockszene.de:
Ihr habt in den letzten Monaten auch Alben bekannter Bands wie Die Schröders oder Boppin¥B. auf Artist Station veröffentlicht. Läuft das dann nach dem gleichen Schema, wie Newcomer-Veröffentlichungen von Bands wie etwa Blickfeld?

Martin:
Natürlich mufl jedes Thema individuell behandelt werden. Generell müssen wir aber unterscheiden, ob die Veröffentlichung einer bekannten Band mit Historie, wie beispielsweise der Schröders ansteht oder ob die Band noch in der Kategorie Newcomer rangiert. Grob erklärt: Bei bekannten Bands mit Historie und einer gewissen Verkaufserwartung können wir ein so genanntes Beteiligungsmodell anbieten. Artist Station bekommt hier einen vorher verabredeten Anteil an den verkauften Alben, egal ob diese über den Handel laufen oder bei Konzerten am Merchandise-Stand verkauft werden. Zudem haben sich auch Promotion-Partner bereit erklärt dieses Modell zu unterstützen, und einen gewissen Teil des Etats auf Beteiligung zu erarbeiten " mit dem Risiko etwas weniger zu verdienen bzw. der Chance auf höhere Gewinne inklusive.
Bei Newcomern ist die Ausgangssituation verständlicherweise schwieriger, weil schlecht eingeschätzt werden kann, auf welches Interesse die Band stoflen wird. Wenn man im Vorfeld nicht sorgfältig plant, kann man schnell ziemlich viel Geld in den Sand setzen. Wollen Newcomer etwa ihr Debüt über uns veröffentlichen bieten wir daher das Modell "Giant Step" anÖ

Rockszene.de:
Giant Step? Klingt grofl. Was steckt dahinter?

Martin:
Giant Step bedeutet, dass sich Bands, die den nächsten gröfleren Schritt rein ins professionelle Geschäft wagen wollen, sich bei uns ein Dienstleistungspaket für die Veröffentlichung ihres Albums kaufen können. Für einen Preis von 3999,--Euro ist das Giant Step-Paket zu erwerben. Wir garantieren die Veröffentlichung, lassen das Album in einer Auflage von 1000 Stück pressen, die Platte ist dann überall ob online oder im herkömmlichen Handel gelistet, wird von uns im Produkt-Management betreut und von unseren Partnern solide promotet. Die Details dazu kann man auch auf unserer website www.artiststation.de nachlesen.

Rockszene.de:
Das Risiko liegt dabei ja bei der Band und knapp 4000 Euro sind für eine Newcomerband, nachdem sicher schon Studiokosten in nicht zu geringer Höhe entstanden sind, ein ganz schöner Batzen GeldÖ

Martin:
Man muss das so rechnen und beurteilen: Von den 1000 CDs, bekommt die Band 600 Einheiten von uns frei Haus für den freien Verkauf auf Konzerten oder über den bandeigenen Webshop geliefert. Artist Station erhält lediglich einen Anteil aus dem Verkauf über den Handel, also dem physischen Vertrieb sowie aus dem digitalen Vertrieb (itunes, musicload etc.). Sämtliche Einnahmen, die die Band aus dem Verkauf von Alben bei Konzerten erzielt, bleiben zu 100 % bei der Band. Es gibt keine Vertragsbindungen für etwaige Folgescheiben.
Voraussetzung für einen soliden Live-Verkauf ist natürlich, dass eine Band regelmäflig auftritt. Im Gegensatz zu früher, sind es ja die Live-Konzerte, die letztlich Geld bringen, das Interesse an Konzerten ist in jüngster Vergangenheit ja wieder kräftig gestiegen. Spielt eine Band über das Jahr rund 20, 30, 40 Konzerte oder mehr und verkauft ihr Album unterstellt für 12 Euro pro Stück, dann sind das bei etwas mehr als der Hälfte der verkauften CDs die Kosten für die Giant Step-Veröffentlichung schon wieder raus. Darüber hinaus kommt die Band mit den Album-Verkäufen in die Gewinnzone. Die Einnahmen aus Live-Gagen und Merchandise bleiben ja zudem auch komplett bei der Band.

Rockszene.de:
Das klingt schlüssig. Aber denken Bands nicht anders? Viele Newcomer glauben doch wahrscheinlich noch, dass sie ausschliefllich für den künstlerischen Part verantwortlich sind, es ihre Aufgabe ist, gute Songs zu schreiben, die dann gut aufzunehmen. Dann werden sie entdeckt und alles andere, die Album-Veröffentlichung zu übernehmen, die Kosten zu tragen, die Platte zu promoten und zu verkaufen, sei Sache der Plattenfirma. Die klassische Arbeitsteilung so zu sagen.

Martin:
Diese Denkweise ist natürlich absolut verständlich. In der gegenwärtigen Situation am Musikmarkt wird es aber für engagierte Newcomer zunehmend schwieriger an entsprechende "Deals" zu kommen. Zudem sehen wir uns ja als Alternative zu bestehenden Modellen und helfen auch regelmäflig Bands mit Kontakten weiter, welche sich bei anderen Plattenfirmen vorstellen wollen.

Rockszene.de:
Zurück zum Stichwort Selbstvermarktung. Du veranstaltest im Rahmen der Horus-Seminarreihe horus:education einen Workshop zu den kaufmännischen Aspekten im Musikgeschäft. Was vermittelst du in diesen Workshops und warum soll eine Band oder ein Einzelkünstler daran teilnehmen? Der nächste Block der Reihe findet vom 22.-24.August im Horus Studio Hannover statt. Was passiert da?

Martin:
Ich kann horus:education eigentlich jedem, der sich für das professionelle Musikgeschäft interessiert und/oder professionell Musik veröffentlichen möchte ans Herz legen. Es geht dabei ja um Fragen rund um die Kreation, Produktion und Verwertung von Musik. Komposition, Arrangement und Recording sind Themen, die langjährig erfolgreiche Produzenten-Profis wie Christoph Littmann und Clemens Matznick in ihren Workshops am 22.und 23.August behandeln. Mein Seminar läuft am 24.August unter dem Aufhänger "Was nutzt die schönste Produktion, wenn niemand sie hört?
Den Teilnehmern werden die Zusammenhänge im Musikgeschäft erklärt, aufgezeigt, wer wie und wo tätig ist, wenn es um die Entwicklung einer Band, um die Veröffentlichung einer Platte geht, und wie die Aktivitäten von am Musikgeschäft beteiligten wie Verlage, Plattenfirma, Vertriebe, Management, Medien, Konzert-und und Promotionagenturen zusammenwirken. Das ist für viele ja noch ein ganz schönes Dickicht. Ich halte es aber für wichtig, dass ein Musiker, dass Bands die Zusammenhänge, die Mechanismen kennen, wenn sie sich im Musikgeschäft bewegen. Das ist sogar sehr wichtig, um später nicht möglicherweise auf Grund von Unkenntnis unvorteilhafte Verträge zu schlieflen oder Aktivitäten anzuschieben, die von wenig Erfolg gekrönt sind.

Rockszene.de:
Wenn ich als Musiker oder Band an diesem Seminar teilgenommen habe, müsste ich doch eigentlich so viel Know-How haben, businesstechnisch so fit sein, dass ich im Zusammenhang mit dem Thema Selbstvermarktung meine Album-Veröffentlichung auch ohne Label und Promotionagenturen, die ja an dem Verkauf meiner CDs partizipieren wollen und vielleicht doch nicht alles nach meinen Erwartungen und Wünschen erreichen, übernehmen könnte. Manche Künstler propagieren doch: Alles selbst machenÖ

Martin:
Auf den ersten Blick könnte man das meinen. In der Praxis ist eine Band jedoch nicht in der Lage, alle Tätigkeiten wie Promotion und Vermarktung komplett ohne Partner erfolgreich zu übernehmen. Das ist dann auch eine Zeitfrage, denn schliefllich soll eine Band ja auch noch Musik machen. Eine gut getimte Medienkampagne für ein Album macht eine erfahrene Promotionagentur mit langjährigen Kontakten sicher besser. Aber gerade, wenn man die CD-Veröffentlichungsmodelle von Artist Station zur Grundlage macht, die ja, wie im Gespräch schon häufiger betont, auf enger Zusammenarbeit und Abstimmung mit den Künstlern stehen, ist es wichtig, dass die Bands die Zusammenhänge begreifen, verstehen, warum was wie läuft und gemacht wird.
Früher hörte man von Bands, die sich von der Musikbranche abgezockt oder in ihrem kreativen Schaffen eingeengt fühlten, weil sie irgendwann "falsche" Verträge unterschrieben haben, weil sie halt "nur" Musiker, Künstler waren, sich aber mit kaufmännischen Dingen nie ausreichend beschäftigt hatten. Bei uns soll der Künstler mündig sein, wir wollen uns mit unseren Künstlern geschäftlich auf Augenhöhe begegnen. Bei unserem Seminar erfolgt übrigens keine schematische Abarbeitung der Themen, ebenso wie wir unsere Veröffentlichungen nicht nach Schema F be-und abarbeiten. Horus:Education findet in lockerer Atmosphäre statt, wir reagieren flexibel auf Anregungen, Fragen und Wünsche der Teilnehmer an diesem Tag. Keine Angst: Das Seminar ist keine akademische Abhandlung. Einige Anekdoten aus dem Lager längst erfolgreicher und etablierter Bands kommen nicht zu kurz.(schmunzelt)

Rockszene.de:
Viele Bands träumen vom Plattenvertrag, von einer professionellen Veröffentlichung. Wenn eine Band oder ein Solo-Künstler sich nun für eine Zusammenarbeit interessiert, was soll sie respektive er tun? Kann er sich bei euch bewerben oder schickt ihr so genannte Talent-Scouts zu Konzerten auf dem auch regionale Newcomer auftreten um für euch jemanden zu entdecken? Du selbst warst ja kürzlich auf dem Fährmannsfest in HannoverÖ.

Martin:
Bands können sich gern jederzeit bewerben. Wir sind auch auf Konzerten und Festivals, wie kürzlich dem Fährmannsfest unterwegs. Oft spielen da Bands mit denen wir oder das Horus Sound Studio arbeiten, im Zuge dessen entstehen auch Kontakte zu anderen Bands. Die Band P:LOT haben wir zum Beispiel im November letzten Jahres auf dem Lighthouse-Festival im MusikZentrum kennen gelernt. Im Anschluss an diesen Auftritt ist die Band direkt bei uns auf dem Label gelandet. Rockszene.de:
Und wie läuft es mit P:LOT?

Martin:
Gut, gerade heute (8.August 2008 " d.Verf.) kommt das Album "Mein Name Ist" heraus, die Single "Zeit Zu Leben" rotiert im Radio, unter anderem bei EinsLive, die Band ist seit gestern auf Platz 1 der MTV TRL Charts.

Rockszene.de:
Glückwunsch! Wie bewirbt sich eine Band bei euch? Ist eine aufwändige Hochglanz-Mappe zur Präsentation obligatorisch? Was ist euch wichtig?

Martin:
Es muss keine grofl aufgemachte Hochglanz-Mappe sein. Wichtig ist bei Newcomern eine realistische Selbsteinschätzung und vor allem eine interessante Story. Mich interessieren bei einer Band folgende Punkte: Wo steht ihr? Wo wollt ihr hin? Das sollte in einer Info, einem Anschreiben klar ausformuliert sein. Die Band sollte sich bei einer Bewerbung " und das gilt nicht nur für uns - auch fragen, was ihr möglicher zukünftiger Partner von einer Zusammenarbeit erwarten könnte.
Es gehört zu unserem Tagesgeschäft, mit Bands über ihr Vorhaben zu sprechen und nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu suchen - sei es nun im Bereich der Kreation, Produktion oder Verwertung. Kommt es zu einer Zusammenarbeit gehört es zu unseren Aufgaben, das Konzept zu schärfen und auch über Jahre konstant weiter zu entwickeln.

Rockszene.de:
Wohin geht es mit der Musik? Was sind die kommenden Trends?

Martin:
Eine ganz schwierige Frage. Keine Ahnung.(lacht) Ganz allgemein könnte man sagen, dass Musik die die Menschen berührt immer die besseren Chancen haben wird. Zudem braucht es in einer Band Personalities mit klarer Vision und dem unbedingten Willen etwas bewegen zu wollen. Ohne kreativen Macher ist jede Band chancenlos " von gecastetem Plastik vielleicht mal abgesehen.
Rein vom Gefühl her würde ich sagen, dass generell der handgemachten Musik die Zukunft gehört und sich durch das verändernde Branchengefüge eine noch breitere Indie-Szene etablieren könnte. Zudem sind der enorme Zuspruch des jüngeren Publikums z.B. beim Wacken Open Air oder auch der Erfolg von Musik-Games wie Sing Star oder Guitar Hero ein Indiz dafür, dass sich die Branche über musikbegeisterten Nachwuchs keine Sorgen machen muss.

Links:
http://www.artiststation.de
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