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23. März 2009
Callejon brachten Zombiecore ins MZ
Faszinierende Überforderung der Sinne
Der Türsteher kommt sich vor, als wäre er bei einem Emokonzert. Versuchen die Besucher von Hardcorekonzerten sonst häufig Bierflaschen in das Konzert zu schmuggeln, so hat er es heute eher mit Haarspraydosen zu tun. Auch die harten Jungs wollen heute scheinbar gestylt sein. Sie dürfen das Haarspray mit hinein nehmen.
Dabei hat die Musik mit Emo wirklich gar nichts gemein. Allenfalls die ein oder andere melodische Gesanglinie des Bury-Your-Dreams-Sängers Boris erinnert noch entfernt an Bands aus dem Emocorebereich. Doch worum es heute im gut besuchten Musikzentrum geht, ist der Hardcore. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Schon bei der ersten Band, Bury Your Dreams, schreien die Besucher nach einer Wall Of Death. Der Legende nach wurde diese Form des Pogotanzes von den Hardcore-Urgesteinen Sick Of It All erfunden. Bury Your Dreams kommen der Bitte gerne nach. „Genau hier ist die Linie“, sagt Boris. Die Besucher teilen sich in zwei Gruppen und laufen aufeinander zu. Es soll nicht die einzige Wall Of Death an diesem Abend bleiben.
Die Besucher haben neben dem Haarspray auch viel Energie mitgebracht. Dem Pogo entkommt heute niemand. Wenn die Wall Of Death auf dich zurollt, kannst du dich nur auf das Adrenalin einlassen, dann tut es nicht weh, dann ist es auf seltsame Weise geil. Die Stimmung ist von Beginn an groß. Bury Your Dreams müssen nicht extra anheizen. Hier sind sich alle einig. Es wird gefeiert und der Hardcore-Pogo steht im Mittelpunkt. Mit Azera kommt eine Band, die den Hardcore am deutlichsten definiert und dessen Grenzen auch selten verlässt. Sie bringt kaum musikalische Abwechslung mit, aber das ist auch nicht ihr Ziel. Und seien wir ehrlich: Wegen musikalischer Abwechslung ist auch niemand hier.
Skurril wird es mit We Butter The Bread With Butter. Elektronische Bässe wummern im Magen, Gitarrist Marci lässt seine Gitarre kreischen und Sänger Tobi brüllt in allen Tonlagen. Was singt er? Klar, klassische Kinderlieder wie „Der Kuckuck und der Esel“ oder „Backe, backe Kuchen“. Bei letzterem reduziert die Band ihre Musik fast auf den Stillstand und Tobi braucht alleine für das Wort Backe mehrere Sekunden. Dabei ist die Musik nicht weniger dick, nur eben wie in Zeitlupe. „Das geht noch langsamer“, sagt Tobi. Ein Satz der sicherlich auch nicht auf jedem Hardcorekonzert fällt. Aber er beweist es: Es geht tatsächlich noch langsamer.
Zur absoluten musikalischen Grenzerfahrung bringt es der Headliner des Abends, die Metalcoreband Callejon aus Düsseldorf und Köln. Zombiecore nennen die Musiker ihre Musik. Die Lichter blinken in Sekundenbruchteilen, weiß, rot, grün, blau, die Musik ist noch schneller. Der Körper bewegt sich automatisch mit, während der Kopf versucht, zu begreifen. Es ist eine faszinierende Überforderung der Sinne, ein musikalischer Trip. Der Sänger grunzt wie es sich gehört. Die Texte sind deutsch, doch das lässt sich nur schwer erkennen. Es lohnt sich allerdings, die Texte im Netz mal zu lesen, schlecht sind sie nicht. Aber: Hier geht es eben nicht um Abwechslung und auch nicht um Interpretation. Hier geht es um Energie. Das Spüren aufeinanderprallender Körper, umgeben von blitzenden Lichtern und einer Musik, die selbst Zombies aus ihren gleichförmigen Bewegungen reißen würde.
Am Ende verlässt ein Besucher den Saal und sagt: „Mir tut alles weh, aber es war geil.“ Kein Sprachgelehrter könnte ein passenderes Fazit ziehen. Die Haare des Besuchers kleben schweißgetränkt in seinem Gesicht. Da hilft auch kein Spray mehr. Aber nach dieser Erfahrung am Rande der Realität denkt daran wohl auch keiner mehr.
Fotos und Bericht: Tobias Lehmann
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