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Holt seine Chips aus dem Kühlschrank und berichtet von auf links gedrehten Ziegen: Kay Ray...
Holt seine Chips aus dem Kühlschrank und berichtet von "auf links" gedrehten Ziegen: Kay Ray...

...mitunter auch singend...
...mitunter auch singend...

...bei seinem Gastpiel mit The Spacecakes im Capitol
...bei seinem Gastpiel mit The Spacecakes im Capitol

23. März 2009

Die Gedanken sind Hardcore

3 Stunden Kay Ray & The Spacecakes

Puh, ja. Drei Stunden Programm von Kay Ray & The Spacecakes im sehr gut gefüllten, teil-bestuhlten Capitol, das zerrt an Nerven, Ohren, Lachmuskeln und bringt moralische Wertvorstellungen ins Wanken. Ein kompromissloses Programm mit zunächst mehr Comedy, Satire, tiefschwarzem Humor als Live-Musik. Ein mitunter grenzwertiges Programm, in Teilen sehr derb unter der Gürtellinie dann wieder einfach nur witzig und musikalisch angenehm unterhaltsam.

„Die Gedanken sind frei“ betont der quirlige, schaurig-schön-schrille Entertainer im bunten Outfit und Punkfrisur des Öfteren im Capitol. Klar, diesen Spruch, der schon vor Jahrzehnten gut war für jedes Poesiealbum stimmt, bei dieser inhaltlich über nicht kleine Strecken kruden Performance mag man aber eher feststellen: Die Gedanken von Kay Ray sind Hardcore. Knüppeldicker Hardcore. „Ich ärgere mich nicht mehr, ich wundere mich nur noch“, erklärt der als androgyner Edelpunk angekündigte Künstler und lässt seinem Hardcore-Gedankengut freien Lauf.

Fliegende Ziegen und Elefanten
Kurz bevor es auch dem Hartgesottenen ob vieler detailgetreuer, fantasierender Beschreibungen diverser sexueller Praktiken und Unpraktiken mit oder zwischen Mensch und Tier die Magensäure gen Speiseröhre treibt, haut Kay Ray wieder was harmlos Trivales raus und sorgt für entspannt-schallendes Gelächter im Publikum.

Der Star des Abends lässt sich über Männer und Behandlung von Gummipuppen aus, klärt auf, dass immer dort, wo man fliegende Ziegen am Himmel erblickt, ein Gen-Versuchslabor in der Nähe sein muss und was vor Potenz strotzende Elefanten mittel-und unmittelbar damit zu tun haben könnten.

Das über weite Strecken begeisterte Publikum im Saal oder oben in der neuerdings mit Flachbildschirm ausgestatteten Raucherlounge des Capitol lernt, dass Kay Ray seine Chips im Kühlschrank aufbewahrt (damit sie knusprig bleiben), dass er gern und intensiv raucht und sich über weit entlegene Raucherzonen auf Bahnhöfen aufregt. Überhaupt das Rauchverbot: „Man beginnt wieder damit, sich zu denunzieren in Deutschland“, haut Kay Ray einen von vielen Seitenhieben auf die dunkelsten Jahre in der jüngeren Geschichte des Landes vor rund 70 Jahren heraus. Das ist teils heikel und diese Art der Auseinandersetzung kennt man so sonst nur von „Humoristen“ aus England. Man solle doch gleich Stacheldraht um die Raucherzonen ziehen und ein Schild drüber hängen: „Rauchen macht….“…den Rest kann man sich denken. Stechschritt mit erhobenen rechtem Arm, das hätte im TV wohl zum Eklat geführt.

Von Markus bis Zarah Leander
Aber im Sommer, da werde Kay Ray konsequent auf die Menschen zugehen, auf die, die draußen vor Straßencafés verweilen und den Stuhl belegen, auf dem er gern (legal rauchend) Platz nehmen würde. Er würde die Menschen ansprechen „Entschuldigen Sie, rauchen Sie? Nein? Dann stehen sie bitte auf und gehen hinein, Sie haben ja schließlich lange für rauchfreie Räume gekämpft“ – explosives Gelächter im Capitol. Kay Ray versteht es, teils absurde Szenarien zu kreieren und sich komplett in diese hineinzusteigern. Seine Musiker von The Spacecakes haben dann sehr lange Pause, rauchen auf der Bühne oder fummeln – wie der Keyboarder- am Laptop herum.

Wenn zur Erholung der Lachmuskeln, zum Wegwischen der Tränen, zum Abbau der Schamesröte oder zur Beruhigung des nervösen Magens musiziert wird, tischen Kay Ray & The Spacecakes ebenso querbeet und unberechenbar auf. Eigenwillige und lässig-groovende Coverversionen von Vokalisten und Künstlern wie Markus, Rio Reiser, Zarah Leander, Tina Turner, Robbie Williams bis hin zu Siouxie & The Banshees sorgen für runde Unterhaltung.

Ein Programm von vulgär-primitiv bis glänzend- genial. Und damit haben Kay Ray & The Spacecakes der Gesellschaft kompromisslos den Spiegel vorgehalten. Man ist auf gewisse Weise nicht nur Hardcore sondern –streng genommen- im Querschnitt ziemlich authentisch.

Andreas Haug Fotos: Brigitte Haug

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