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02. April 2009
Wie eine Fata Morgana
Bob Dylan erschien in Hannover
Bob Dylan war noch nie „Everybody´s Darling“ und das ist er auch heute bei seinem Konzert in der sehr gut gefüllten AWD Hall nicht. Er ist der Typ Künstler der polarisiert, der gern aneckt, der es nie erfahren dürfte und den es wohl auch nicht im Geringsten interessiert, dass einige wenige vor Enttäuschung kopfschüttelnde Besucher vorzeitig den Heimweg antreten, der aber augenscheinlich Notiz davon nimmt, dass ihm nach der letzten Zugabe dieses Konzertes in Hannover vom Großteil des Publikums lautstarker Applaus gespendet wird, der hier und da in beinahe grenzenlosen Jubel übergeht.
Bob Dylan wendet sich in diesem Moment zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend direkt den Menschen vor der Bühne zu und reagiert mit knapper Gestik, so, als wolle er sich bedanken. Mit Ausnahme der Vorstellung seiner Musiker bleibt jede Ansage, jede verbale oder non-verbale Kommunikation mit dem Publikum aus. Es scheint für Bob Dylan nicht anwesend zu sein. Es geht ausnahmslos um die Musik, um die Songs und dass dieser Artikel hier nicht mit Konzertfotos illustriert wird, hat einen einfachen Grund: Der Künstler lässt generell keine Pressefotografen bei seinen Auftritten zu. Er möchte eben nicht fotografiert werden.
Wie eine Fata Morgana Beobachtet man Dylan und seine Band bei ihrem Wirken in der AWD Hall, fühlt man sich an eine Fata Morgana in einer endlos weiten Wüstenlandschaft erinnert. Man hört Gesang und Musik zunächst wie aus dem Off, wie aus längst vergangener Zeit, nähert sich dem beinahe unwirklich erscheinenden Szenario, erkennt Musikern mit Anzügen und Hüten, aber real scheinen sie nicht zu existieren. Es ist so, als läge ein unsichtbarer, undurchdringlicher Schleier zwischen denen auf und denen vor der Bühne Ein unerklärlicher, kaum fassbarer Zustand zwischen warmer Nähe und totaler Distanz. Eine Atmosphäre, die einer gewissen Faszination nicht entbehrt.
Zwischen „Geht gar nicht“ und „Absolut grandios“ lauten die Urteile einiger Besucher zur knapp zweistündigen Darbietung von Dylan und seiner Band, hier gehen einige Meinungen also weit auseinander, aber der Künstler polarisiert halt, eckt auch gern mal an (s.o.) und macht letztlich sowieso das, was er machen will und am wenigsten das, womit das Publikum rechnet.
Orgel statt Gitarre Als „Verräter“ kann man ihn heute in Hannover nicht beschimpfen, wie einst beim Newport Folk-Festival im Jahr 1965 als sich Puristen fürchterlich darüber aufregten, dass es Bob Dylan wagte, zu Folk- Songs eine E-Gitarre statt einer Akustischen zu bearbeiten. Alles Schnee von gestern. In der AWD Hall spielt Dylan weder Gitarre noch Folk und das überrascht doch einigermaßen. Wer mit der Erwartungshaltung erschienen war, sattsam bekannte Lieder wie „The Times, They-Are-A-Changin´“, „Blowin´In The Wind“, „Hurricane“ oder das unvermeintliche „Knockin´On Heavens Door“ von der Singer-/Songwriter Legende schlechthin in einst vertrauter Version mit Akustikgitarre und Mundharmonika präsentiert zu bekommen, hatte die falsche Veranstaltung erwischt. Es wird vieles gebracht, nur das nicht.
Vielmehr ist Bob Dylan mit seiner von entspannt-lässig laid-back- bis knackig-druckvoll agierenden Band in Richtung swingender Blues, Rock´n Roll und Rockabilly unterwegs, verkriecht sich hinter einer Orgel, deren Tastatur er des Öfteren –diplomatisch ausgedrückt- sehr eigenwillig bedient. Die Mundharmonika wird zuweilen auch eingesetzt und das recht spartanisch.
Zwischen Tom Waits und sich selbst Das alles hat zur Folge, dass Songs wie „All Along The Watchtower“, „Highway 61“, „Masters Of War“ oder „Like A Rolling Stone“ in einem ziemlich speziellen Gewand arrangiert gespielt werden. Und abgesehen von dem Georgel entfalten sich so Songversionen, die bei vielen die Augen leuchten lassen. Stimmlich bewegt sich Bob Dylan äußerst gekonnt und unkonventionell zwischen Klanfarben, die man am ehesten dem tiefen, heiser-brüchig-knarzigem Organ von Tom Waits zuordnen würde oder eben ihm selbst, dann, wenn er an einigen Stellen seine typisch quäkend-näselnden Töne produziert, die inzwischen eher Klagelauten gleichkommen. Konservative Gesangslehrer würden hier verzweifeln, Logopäden sicher auch, aber beide Berufsgruppen sind heute Abend nicht gefragt und das ist gut so.
Auf der Bühne schlichtes weißes Licht. Mit der gedimmten, im Halbrund aufgebauten Bodenbeleuchtung entsteht ein Ambiente wie in einem Tanzsaal in den 50er/60er Jahren oder einem Varieté- Theater in den 70er Jahren. Sind wir etwa noch beim Abschiedskonzert von The Band? The Last Waltz? 1975? San Francisco? Nein, natürlich nicht, aber wie Bob Dylan und Band hier aufspielen, könnte man meinen, sie hätten vor mindestens 34 Jahren mit diesem Konzert begonnen und werden noch mindestens weitere 34 Jahre so weiter spielen. Nicht umsonst befindet sich Bob Dylan seit 21 Jahren offiziell auf seiner „Never- Ending- Tour“ und dass die noch so einiges überdauern wird, daran dürfte nach der heutigen Vorstellung kaum ein Zweifel bestehen
Andreas Haug Foto: Pressefreigabe
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