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01. Februar 2010
Trockene Stöße und spitze Schreie
Valeria gewinnt Hannover Song Contest
Unter dem Titel „Hören! 2010 Hannover Songcontest“ fand am Freitag im sehr gut besuchten Pavillon am Raschplatz ein gemeinsamer Musikwettbewerb der Hochschule für Musik und Theater Hannover, dem Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung und dem Popinstitut Hannover statt.
Auf Platz 1 der Jurywertung und damit Gewinnerin einer CD-Produktion: Valeria mit ihrem Song „Stay“, einer mitreißenden Breitwand-Popballade, die von ihrer Machart an die großen US-Hits von Künstlerinnen wie etwa Mariah Carrey, Whitney Houston oder Celine Dion erinnert. Pomp-Pop im Hollywood-Gewand. Vorhersehbar, gewöhnlich aber gut und vor allem von Valeria grandios gesungen und von ihrer vielköpfigen Band sehr ansprechend in Szene gesetzt.
Den zweiten Platz erreichten die Publikumsfavoriten Sustar mit ihrem Song „Radio“, einem flotten, groovigen Rock-Pop / Soul-Rock-Titel mit einprägsamem Gute-Laune-Ohrwurm-Refrain. Hitverdächtig, aber in der Gunst der Jury eben nur knapp hinter Valeria. Dafür erhielt die hannoversche Band mit großer Mehrheit den Publikumspreis und freute sich obendrein noch über den Sonderpreis von N-Joy, einen Auftritt im Vorprogramm eines Konzertes von Revolverheld.
Die Gestaltung des Abends, der Ablauf des Programms ähnelt Veranstaltungen wie dem des Eurovision Songcontests. Rahmenprogramm mit Percussionisten, Tänzern, Gesangsformationen. Übertragung auf verschiedene Leinwände im großen Saal, Image-Filme über die Teilnehmer und großes Jury-und Publikumsvoting mit für die Besucher gut nachzuvollziehender visueller Darstellung.
Der hannoversche Rapper Spax führt als Moderator freundlich, flott und frisch durchs Programm, es gibt Interviews zuhauf und dazwischen jeweils die Songbeiträge der Teilnehmer. Jeweils ein Song wird live aufgeführt, der vereinzelt technisch aufwendige Bühnenumbau, wird binnen Minuten erledigt. Die eigentlichen Gewinner von Hören! 2010 kristallisieren sich schon relativ früh an. Es sind die Organisatoren, die Produktionsverantwortlichen und -helfer die hier im Pavillon für einen professionellen wie persönlich-charmanten Rahmen sorgen.
Eine Contest-Veranstaltung dieser Größenordnung mit allen ihren technischen Finessen, mit elf unterschiedlichen Bandformationien in dieser Qualität und in zeitlich so straffer Abfolge nahezu perfekt in den Saal und auf die Bühne zu bringen - das ist schon eine bärenstarke Leistung! Nicht zu vergessen ist die stimmige Rundum-Organistion, inklusive der Medienarbeit im Vorfeld. Das hat hier im Pavillon nicht nur Hand und Fuß, sondern passt einfach. Es macht Freude, dem Contest hier entspannt beizuwohnen ohne auch nur ansatzweise von irgendwelchen Mängeln genervt zu sein, die anderswo nicht selten dann auftreten, wenn keine langjährig erfahrenen Voll-Profis am Werk sind.
Was hier aber die Studenten der Hochschule für Musik und Theater Hannover, die Studierenden des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung und die Multi Media BbS auf die Beine stellen und produktionstechnisch wie organisatorisch zusammen mit dem Team vom Pavillon umsetzen, ist fast schon eine Meisterleistung und verdient besondere Erwähnung.
Hören 2010! als Veranstaltung dürfte also nachhaltig in Erinnerung bleiben, was auf alle elf musikalischen Beiträge des Hannover- Songcontest sicher nicht zutrifft. Der absolute Oberknaller, der wirklich aufhorchen lässt, ist heute Abend nicht dabei. Wirklich Spannendes und Neuartiges vermisst man ebenso. Es ist mehr gutes bis sehr gutes Handwerk, was hier dominiert, denn die große Kunst.
Die Kompositionen und Arrangements der Hören! 2010- Bands orientieren sich fast durch die Bank weg doch sehr an internationalen Profi-Standards, an dem, was seit Jahrzehnten im Pop/Rock-Radio für die breite Masse läuft. Es wird von den Teilnehmern –wahrscheinlich meist unbewusst- mehr abgekupfert, als wirklich kreativ entwickelt. Die Faktoren Originalität / Eigenständigkeit sind bei fast allen Songbeiträgen auf eher niedrigem Level. Vieles ist vollkommen in Ordnung, gut gespielt, gut gesungen, schlüssig komponiert und gefällig arrangiert, doch eben oftmals auch (leider) recht bieder aufgesetzt. Es ist seit Jahren schon das Gleiche: Wer Musik auf technisch höherem Niveau lernt und studiert, ist irgendwie immer in Richtung Pop, Funk, Soul oder Jazz unterwegs und das wird auch beim Hören! 2010 deutlich.
So richtig Rock´n Roll macht hier keiner, so richtig kompromisslos aus dem Bauch und schmutzig aus dem Ärmel schafft´s auch kaum jemand. Dazu sind die Bands mit all ihren mehr und weniger talentierten Nachwuchs-Sängerinnen und -Sängern noch mehr damit beschäftigt, die A-Noten hoch zu bekommen, soll heißen, das zu präsentierende Musikstück technisch möglichst einwandfrei auf die Bühne zu bringen.
Eine der wenigen, die sich live hier im Pavillon richtig was zutrauen, ist die Sängerin Tabea mit ihrem Song „Feel Like I´m In Jail“. Das was die 22-Jährge hier ganz allein am Flügel spielt und singt, klingt nicht vordergründig nach aufgesetzter Hollywood-Balladen-(Kitsch)-Emotion, nicht nach am Reißbrett aufgezogenem Kommerz-Pop, sondern wie „richtig von Herzen.“ Selbst in dieser Wettbewerbssituation traut sich Tabea zu, gesanglich an ihre Grenzen und auch mal darüber hinaus zu gehen. Wenn das Gefühl raus muss, dann muss hier nicht immer jeder Ton hundertprozentig sitzen und klingen. Sehr authentisch dieser Beitrag.
Insgesamt hat aber jeder Titel seine Qualitäten, sorgt ob der engagierten, mitunter schillernd-bunten Performance seiner Interpreten auf der Bühne für kurzweilige und meist angenehme Unterhaltung. Es muss ja nicht immer wehtun. Lieber mal grau statt tiefschwarz. Überhaupt scheint das überwiegend gut gelaunte bis fröhliche Publikum sehr viel Spaß zu haben am Hören! 2010.
Den lautesten Applaus und sogar ausgiebige Zugaberufe gibt es im Anschluss an das griffige „Radio“ von Sustar. Zum einen haben Sustar offenbar die meisten Fans im Pavillon, zum anderen sorgt die würzige Soul-Pop-Rock-Nummer mit dem eingängigen Refrain für angenehme Abwechslung zu dem bis dato sehr von Balladen dominierten Programm.
Nachdem der Songcontest mit dem modernem, frischen und tanzbaren Indie-Pop-Rocker „You Like Me“ von Ruby Baby flott aus dem Quark gekommen ist, geht es schon mit dem dem zweiten Titel, „What You Want“ von Paul Gutjahr, sanft soul-jazzend weiter, inklusive Seifenblasen blasen am Flügel. Goldkind wollen mit ihrem Beitrag „Feuer und Liebe bringen“ und meinen, den Sieg deshalb verdient zu haben, weil sie so sexy seien. Während sich die Sängerin in einer mit bunten Luftballons gefüllten Badewanne auf die Bühne schieben lässt, gibt es musikalisch statt Feuer kühlen Electro-Pop im Achtziger-New-Wave Gewand. Charmant ist die Performance, der Song adrett, schön zu hören. So ein wenig wie 2raumwohnung im Kühlschrank vs. Tanzen à la Frl.Menke.
Dann wieder eine Ballade: Uta´s Place und „Island“, souliger Jazz-Pop, Akustik-Gitarren. Solide aber unauffällig. Im Refrain wirkt der Gesang nicht immer souverän, die Stimme zuweilen etwas dünn. Insgesamt ein wenig blass dieser Vortrag. Noisome Paste wollen mit „New Ways“ die Sparte Rock abdecken. „Alternative Groove ist unser Handwerk“ verraten die Jungs im Image-Film und kündigen ein „dickes Gitarrenbrett“ an. Ein solches wird dann manchmal auch aufgelegt und bearbeitet, so, als wären hier eine Schlagbohrmaschine, ein heißgelaufener Akku-Schrauber und eine Kreissäge abwechselnd und gleichzeitig am Werk. Dann sind da auch Formationen wie Geradeaus, die sich eigens für Hören! 2010 zusammengetan haben, „ganz frisch“ dabei sind, ihre Sache aber dennoch ordentlich erledigen. Geradeaus schicken den Song „Vielleicht“ ins Rennen.
Und dann wird es Zeit, das Publikum mal wieder etwas in Bewegung zu bringen, was einem gewissen Victor mit seinem Song „Party In The Night“ auch gelingt. Südamerikanisches Flair im Pavillon, Latin-und Salsa-Grooves plus buntes Treiben. Victor gibt den leidenschaftlichen, sportlichen Frontmann. Zum Höhepunkt der Show geht sein Beckenkreisen in heftige Kopulationsbewegungen über. Trockene Stöße auf der Bühne, Szenen-Applaus und spitze Schreie aus dem Publikum.
Im Anschluss Valeria, Sustar und Tabea, den Schlusspunkt setzt die hannoversche Band Phildog mit „This Ain´t The Way“. „Pop and Roll de la Indie-Rock“ nennen Phildog ihren Stil, mehr als 100 % Engagement hier als letzter Act des Wettbewerbs. Aufgetischt wird eine kräftige, gefühlvolle Rock-Ballade mit Gitarrensolo und allem was man sich schon immer unter einer Rock-Ballade vorstellte. Sänger Philip Yang gibt richtig viel Gas auf der Bühne, nicht nur stimmlich erinnert er in diesem Song entfernt an Frontleute wie Mick Jagger: Immer in Bewegung, immer mit vollem Einsatz. Philip singt und performt hier mit einer Energie, die auch für die fünffache Publikumsmenge in Konzertörtlichkeiten wie der AWD Hall oder TUI Arena ausreichen dürfte.
Fazit: Hören! 2010 erwies sich als eine sympathische, liebevoll und professionell aufgezogene Veranstaltung mit engagierten und talentierten jungen Musikern in einer schönen, freundlichen Atmosphäre.
Andreas Haug Fotos: Brigitte Haug
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