Umfragen Archiv
Emergenza-Vorrunde 2001
Ein Resümee der Rockszene
von Tobias Lehmann

Die Emergenzavorrunde in Hannover ist vorrüber. Die Euphorie hat sich gelegt, die ein oder andere Träne ist getrocknet. Häh, wird sich der geneigte Leser fragen, mitten im Wettbewerb ein Resümee? Nein, dafür ist es doch ein wenig zu früh.
Aber eine kleine Zusammenfassung der Vorrunde, um auch die Bands noch einmal zu erwähnen, die ausgeschieden sind, könnte an dieser Stelle angebracht sein.

Einer der am häufigsten genannten Kritikpunkte des Emergenzafestivals ist die Abstimmung durch das Publikum. Platt gesagt, es gewinnt die Band, die am meisten Fans und Freunde am jeweiligen Abend zusammenholt. Das ist richtig, als einziges Argument jedoch zu einseitig. Die meisten Zuschauer melden sich mehr als einmal pro Abend. Sonst wäre es nicht zu erklären, dass Bands wie Sleepin' Silence, die nach eigener Aussage nicht so viele Freunde dabei hatten, den dritten Platz erreichen konnten. Die Subjektivität der Zuschauer steht gegen die Objektivität einer - aus wenigen Personen bestehenden- ausgewählten Jury. Ausgewählte Jurys bei Bandcontests neigen dazu, hauptsächlich die technischen Fähigkeiten der Musiker zu beurteilen. Dabei geht häufig das Kriterium der bei den Zuschauern erzeugten Stimmung verloren. Bei der Publikumsabstimmung kann der Zuschauer hingegen seine unmittelbare Emotion zum Ausdruck bringen.

Wenn an einem Abend sechs Punkbands und eine aus dem Bereich der Popmusik spielt, wird diese es zweifellos schwer haben. Von daher wäre zu überlegen, im Vorfeld eine grobe Einteilung nach Musikstilen vorzunehmen. Doch auch dies hätte wieder zwei Seiten. Sollten die Bands Mitspracherecht an dieser Einteilung haben, käme es zu Streitigkeiten. Häufig gäbe es wahrscheinlich keine Einigung. Geschieht die Einteilung ohne Befragung der Bands, käme es auch zur Unzufriedenheit.
So muss die Frage offen bleiben, welche Art der Jury die "bessere" ist. Im alle des Emergenzafestivals bestimmt die Zuschauerjury mit all ihren Schwächen und Stärken. Punkt.

Das Festival bot ein buntes Programm im Rahmen der Rockmusik. Marys Forbidden Dreams stellten die Frage: "Mögt ihr Hip-Hop?" Die Antwort ist: Ja! "Wir" mögen auch Punk und Crossover und Pop, aber eben auch Hip-Hop. Doch dieses Abwechslung konnte das Festival nicht bieten. Techno- oder Hip-Hop-Bands scheint es in Hannover einfach nicht zu geben. Oder? Wo seid ihr?

Die ersten Plätze der vier Abende wurden von den Bands Oversize, Infinity, Murphy Brothers und Marys Forbidden Dreams belegt. Die drei erstgenannten Bands aus dem Bereich Rock-Pop, Marys Forbidden Dreams eher auf der Punkschiene.

Die jeweils zweiten Plätze gehörten Refake, Wanted, Primat Pookie und Shaved. Wanted kommen aus der Riege des Hard and Heavy Rock, Shaved spielen Crossover-Punk, Refake grungen was das Zeug hält und Primat Pookie haben von Irish-Folk bis zu Musical-Anleihen eine große Bandbreite im Repertoire.

Die dritten Plätze konnten von S.O.S, Sleepin´Silence, Primitive 21 und Vollmilch erreicht werden. Die beiden Letztgenannten frönen dem Funk-Punk, Sleepin´Silence spielen Rock-Pop und S.O.S fahren auf der härteren Rock-Schiene.

Da an den ersten beiden Abenden sieben statt sechs Bands spielten, kamen dort auch die Viertplatzierten eine Runde weiter. Prophets of Destiny und Beth, beide am ehesten im Rock-Pop anzusiedeln freuten sich über den Einzug ins Halbfinale.

Im Sport würde sich folgendes Tabellenbild ergeben: Rock-Pop führt mit sechs Vertretern knapp vor Punk/Crossover mit vier. Hard' Heavy kommt immerhin auf zwei, Irish Folk und Grunge treten mit jeweils einem Abgesandten an und belegen die hinteren Ränge.
Natürlich lassen sich bei diesen Schubladeneinteilungen nie alle Facetten einer Band berücksichtigen, deshalb mögen die Bandmitglieder unter unseren Lesern dem Verfasser auch nicht allzu böse sein. Aber eine grobe Einteilung muss eben sein. Wie sollte sich sonst ein Nicht-Insider ein Bild davon machen, was ihn ungefähr erwartet, wenn er das nächste Mal beabsichtigt ein Konzert aufzusuchen ? Nichtsdestotrotz: AlleBands zeigen individuelle Ausprägungen innerhalb verschiedener Musikstile, einige von ihnen sind technisch besser als andere, was aber eben kein Kriterium für ein erfolgreiches Abschneiden bei Emergenza sein muss, wie oben bereits erörtert wurde.

Alle von Platz 1 bis 3 bzw.4 platzierten Bands können im Halbfinale, das im Mai stattfindet, erneut bestaunt oder interessiert untersucht werden.

Wie sieht es aber mit denjenigen aus, die ausgeschieden sind ? Auch hier gab es einige Talente, die es verdient hätten, die nächste Runde zu erreichen, aber leider Pech hatten. Dafür sollen sie an dieser Stelle auf jeden Fall noch einmal gewürdigt werden.

Ausgeschieden sind die Bands Stopover, Silf, Alles Meins, Fieber, Drop Out und Mueca aus dem Punk-Crossover Bereich, Aeon, Taxe Free, Allemann, Saturated Youth und Blütenstaub aus der Rock-Pop Sparte, The Becoming als einzige Gothic-Metal-Band.

Was behalten wir von der Vorrunde 2001 im Gedächtnis? Wir erinnern uns an den kindlich-jugendlichen Elan von Stopover, an die souveräne Abgeklärtheit von Infinity, an die weiße Kleidung von Vollmilch, an den herumtobenden Sänger von Alles Meins, an die Ausdruckskraft von Primat Pookie`s Musical, an die ausgelassene Stimmung bei Wanted und an vieles mehr.

Zum Abschluss wollen wir natürlich die Menschen nicht vergessen, die sowohl auf als auch hinter der Bühne oder an anderen strategisch wichtigen Stellen des Festivals für einen reibungslosen Ablauf der Vorrunde sorgten. Als da wären: Salino vom Musikzentrum (Moderation), Olaf von PPC (Backline), Hoppi (Sound) Svenja (Licht), Eric (Emergenza/Stimmauszählung), die freundliche Security am Haupteingang, Vanessa & Co hinter der Theke und last but not least Achim Brandau von Living Concerts. Auf das es auch in Zukunft so gut klappen möge.

Hannover freut sich auf das Halbfinale!