Porträt Garrancho
Garrancho – die wahre Cybermusik

Was ist eine virtuelle Band? Was ist eine Band die gar nicht existiert, aber dennoch Musik veröffentlicht? Eine Täuschung? Spuk? Eine düstere Vision im Zeitalter des Cyberspace?
Die Antwort war dreimal falsch! Karte gesperrt. Bitte melden Sie sich am Schalter.......

Garrancho wäre richtig gewesen, das ambitionierte Solo-Projekt eines überaus kreativen Funk & Soul Musikers aus Hannover, dessen Songs ausschließlich im Internet veröffentlicht werden. Das mag für Puristen jetzt als weiterer Angriff auf den Tonträger-Markt gelten, den Gerrit Koch, Mastermind dieses ambitionierten Projektes, da betreibt. Die Horrorvision von einem kläglichen Musiker-Dasein bei knochenhartem Brot und einem Zahnputzbecher Leitungswasser, der auf der, als Untersetzer missbrauchten Master-CD des aktuellen Albums, seinen angestammten Platz einnimmt, scheint nicht mehr fern. Bereits heute – und das ist nichts Neues – laden sich Konsumenten Songtitel verstärkt aus dem Netz (gratis versteht sich), während die CD-Verkäufe speziell auf Amateurebene stagnieren bzw. kaum statt finden.

Auf der anderen Seite sind professionelle Longplayproduktionen ohne den finanziellen Background einer Plattenfirma kaum zu realisieren, geschweige denn, an den Mann bzw. an die Frau zu bringen, zieht man die herkömmlichen Vertriebswege mit all der teuren und arbeitsintensiven Promotion in Betracht. Und nicht jede Band hat einen Musikerkollegen, dem von irgendwelchen steinreichen Tanten, Onkels oder sonstigen Sponsoren mit solchem Schwung in den Sattel geholfen wird, dass ein Budget im oberen fünfstelligen Bereich kein grosses Hindernis bedeutet.

Gute Musik soll den Menschen zugänglich gemacht werden. Dies ist wohl unstrittig. Auch deshalb gibt es Garrancho in dieser Form. Gerrit Koch, den meisten Lesern als Sänger der Gruppe Q-bic ein Begriff, setzt sich nach eigener Aussage "mal ab und zu an den Rechner im Studio, wenn Langeweile vorherrscht" und produziert die Basistracks für "ein paar nette und hübsche Popsongs".

Für die weitere Ausgestaltung der Songs, die sich mitunter stark an grooviges Disco-Funk-Material aus den Siebzigern von Bands wie Earth Wind & Fire oder Cool and the Gang orientieren, werden dann wechselnde Gastmusiker mit ins Boot genommen. "Ich habe zwar die gesamtkünstlerische Kontrolle über Garrancho, ohne meine Mitmusiker würde das Ergebnis der Aufnahmen aber nach einem Sänger klingen, der versucht seine eigene Band zu sein", sagt Gerrit Koch um hinzuzufügen, dass er den Gastmusikern sehr dankbar ist : "Leute wie Marcus Dettbarn (Keyboards) oder Tobias Rückert (Gitarre) bringen ihre persönliche Note in die Produktion ein, sie veredeln den jeweiligen Song, die Aufnahme."

Eine Schlüsselrolle bei Garrancho nimmt Gerrit´s alter Freund aus Funk Off-Tagen, der Gitarrist Helge Brand ein. Brand ist für die zum Teil kurzen und heftigen Gitarrenattacken Marke "ultraverzerrtes Crossover-Brett" verantwortlich und schafft damit einen in dieser Form noch nicht gehörten Kontrapunkt zum melodiösen Disco Funk. Seattle 1991 meets Philadelphia 1974, auch so klingt Garrancho. Auch die Namensgebung resultiert aus einer spontanen Inspiration Helge Brands, der während eines Uni-Festes in einer Bierlaune Alles und Jedem einen spanisch klingenden Namen gab. Gerrit hieß ab sofort Garrancho. Was Garrancho bedeutet, kann Gerrit nicht genau erklären, erinnert sich aber in diesem Zusammenhang an eine umfangreiche Recherche vor vielen Jahren. Garrancho soll auch der Fachbegriff für "ein Gerät bzw. Haken zum Aufheben von Tierkadavern" sein. Die Jahre mit Helge und Funk Off zählen zu den schönsten für Gerrit: "Das war die wilde Zeit in der wir um die Häuser zogen und auch neben der Musik viel miteinander unternommen haben." Aus diesen Tagen stammt auch der Song "Garrancho", eine eher heftige Crossover-Nummer, denn Funk Off war stark von der ursprünglichen Crossover Musik Marke Red Hot Chilli Peppers beeinflusst.

Insgesamt sechs Songs sind bislang unter Garrancho im Netz erschienen. Man veröffentlicht seine Songs bei besonic.com zu deren Seite Garrancho´s Band- Website verlinkt ist. Und das Projekt kann bislang beachtliche Erfolge vorweisen, auch wenn Gerrit Koch in seiner sympathischen Bescheidenheit eher etwas zurückhaltend den Ball flach hält. "Wenn ich etwas mit am meisten hasse, dann ist es Hochstapelei!" Unter der selbsternannten Kategorie "Average Pop Songs" sind Anfang des Jahres die ersten drei Stücke erschienen, darunter auch "Just for you", das bei Besonic in der Playlist des Besonic Soul/R&B-Radio einen Platz neben Künstlern wie Macy Gray fand. Der Song "Get down" hatte mal ein Feature bei now.com, einer britischen TV-Sendung, die über das Internet ausgestrahlt wird. Bei "popkomm.de" war Garrancho in diesem Jahr in der Auswahlliste für das "Talent der Woche".

In diesem Zusammenhang von "Durchschnitt" zu sprechen scheint da eher ein wenig tief gestapelt. Verdeutlicht wird dies beim Hören der Songs, die auf besonderen Wunsch auch auf CD erhältlich sind (Bestellung per E-Mail). Die Garrancho-Songs zeichnen sich allesamt durch sehr gutes Songschreiber-Handwerk und äusserst geschmackvolle Arrangements aus, Überraschungen inklusive. Da klingt alles sehr frisch und inspiriert, von Zitaten kaum eine Spur. Langeweile und Überdruss kommt auch nach mehrmaliger Betätigung der Repeat-Taste (die Rockszene verfügt über eine CD, Anm.d.Verfassers) nicht auf.

Garrancho ist sicherlich eines der derzeit interessantesten Musikprojekte Hannovers, und das in jeder Hinsicht. Diese Songs sind mehr als nur "ein paar nette Popstücke", da müssen wir dem Künstler widersprechen. Über die Tanzfläche rollen kleine funkelnde Perlen und Glück hat, wem es gelungen ist, eine aufzusammeln.....

Wer die Songs von Garrancho hören möchte, kann dies unter www.garrancho.de tun. Wer eine CD bestellen möchte und weitere Informationen wünscht, schreibt eine E-Mail an info@garrancho.de.
Andreas