Zweifelsohne gehört er mit zu einer der einflussreichsten Vertreter der deutschen "Independent"-Rock-Szene: Phillip Boa And The Voodooclub. Seit er 1983 mit der Mini-LP "Most Boring World" und dem anschließenden Album "Philister" einen neuen Sound in der Medienlandschaft formte, ist er kontinuierlich aktiv. Trotz zahlreicher Umbesetzungen sowie die Trennung von seiner langjährigen Partnerin und Mitmusikerin Pia Lund entdeckt Boa immer wieder neue Ausdrucksformen zwischen schrägem Rock und eingängigen Mainstream.
Sein neustes Werk "The Red", das er jüngst der Öffentlichkeit präsentierte, ist ein lautes und ungezügeltes Studioalbum geworden, welches bretternde Gitarren mit sperrigen Elektrosounds verbindet. Erste Kostproben waren davon auf dem M´era Luna-Festival in Hildesheim am 2.September 2001 zu hören, wo er kurzfristig als Ersatz für die abgesprungenen The Cult spielte. Nach seinem Auftritt sprach nahm sich der unverwüstlichen Kreativkopf Phillip Boa Zeit für ein Gespräch über Marilyn Manson, das Festival und das neue Album.
Rockszene.de: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie kurzfristig mit ihrer Band eingesprungen sind?
Boa: Wir haben solche kurzfristigen Arrangements schon öfter gemacht, auch schon einmal für das M`era Luna-Festival. Ich stehe auf diese extremen Stresssituationen, in kürzester Zeit die Musiker sowie die Crew zusammenzutrommeln und das Programm einzuüben. Das alles in zwei Tagen zu bewältigen, gibt mir einen starken Adrenalin-Schub.
Genau das wissen auch die Veranstalter und die Agenturen. Man rief mich deshalb am Freitagabend vor dem M`era Luna-Wochenende an, ob ich nicht am Sonntag auftreten könne. Und da habe ich zugesagt.
Rockszene.de: Was halten sie von Marilyn Manson?
Boa: Ich finde ihn sehr interessant. Egal was man über Marilyn Manson sagt, er ist für die nicht-kommerzielle Rockschiene von großer Bedeutung. Es gab in den letzten Jahren keine neuen Stars, aber er ist noch einer. Die Leute sehen Musik als kurzweiliges Entertainment an und daran krankt die Plattenindustrie. Sie brauchen Figuren wie Manson die polarisieren und zum Nachdenken anregen.
Rockszene.de: Das neue Album "The Red" hat in vielen Stücken ausgeprägte Elektronik-Anteile. Woher kommen diese Einflüsse?
Boa: Ich sehe The Red als eine Gitarrenplatte mit Elektronik-Einflüssen. Sie stellt auf jeden Fall ein großer Unterschied zu den letzten beiden Veröffentlichungen dar. Das Album ist abstrakter, expressiver, lauter und ungeschliffener. Mit den Elektronik-Passagen kann die Rockmusik gut aufgebrochen werden. Dadurch wirkt das Ganze interessanter.
Rockszene.de: Der Song "Eugene" verarbeitet einige Sex Pistols-Anleihen von "God Save The Queen". Sind diese zufällig entstanden oder bewusst gewählt?
Boa: Die Anleihen kamen bei mir aus dem Unterbewusstsein. Mir ist es eigentlich gar nicht aufgefallen und als die Kollegen im Studio mich darauf hinwiesen, sagte ich `was soll`s´. Die Sex Pistols habe ich in meiner Jugendzeit immer gehört und dieses Lied ist für mich damals sehr wichtig gewesen. Die Passagen passen im Übrigen gut zum Text und zur Attitüde des Songs.
Rockszene.de: Sie haben mit Julia Chard eine neue Sängerin in der Band. Wieso ist die Vorgängerin Alison Galea nicht mehr dabei?
Boa: Alison ist eigentlich die Sängerin von den Beangrowers. Sie hatte keine Zeit mehr für den Voodooclub, da sie sich auf ihre eigene Band konzentrieren musste. Daraufhin haben wir Julia ausprobiert. Es hat gut funktioniert und bis jetzt ist sie dabei geblieben. Wie lange, das werden wir sehen. Ich lege mich auf nichts mehr fest.
Rockszene.de: Welche Ziele verfolgen sie jetzt noch, wo Sie eigentlich schon alles erreicht haben?
Boa: Ich werde immer an den alten Platten gemessen, das ist manchmal verdammt schwierig. Jedes neue Album hat diesen Ballast, das die alten Werke so gut sind. Manchmal bringt mich das zum Verzweifeln. Ich denke, ich werde noch ein, zwei gute Platten machen. Und dann habe ich alles ausgedrückt, was auszudrücken ist. Wenn Leute auf die 40 zugehen und soviel wie ich gemacht haben denkt man immer, sie sollten aufhören. Vielleicht ist da etwas dran. Aber der Spaßfaktor ist bei mir noch ziemlich hoch.
Rockszene.de: Genau dieses Gefühl kommt bei den Konzerten von Ihnen auch immer noch rüber. Ich wünsche Ihnen weiterhin viele kreative Einfälle und freue mich auf die kommenden CD`s. Vielen Dank für das Gespräch Herr Boa.