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Interview Archiv
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| Tim Hespen (Systemhysterie) Das neue Album "Wir fordern die Macht" Von Frauke Rauner
Unsere Mitarbeiterin Frauke Rauner sprach mit Tim Hespen am 21.Januar 2002, ein paar Tage vor Start der ausgedehnten Deutschlandtour. Tim Hespen: Sicher hat der Bandname eine politische Komponente. Letztlich ist "Systemhysterie" jedoch ein Wort, das wertfrei ist. Man kann natürlich das Wort "System" im politischen Zusammenhang sehen, aber es könnten genauso gut Computersysteme oder andere gemeint sein. Rockszene.de: Im Oktober 2001 erschien die Singleauskopplung "wir fordern die macht", die auch den Song "the problem of making protestsongs" enthielt. Diese Veröffentlichung stand vor dem aktuellen Hintergrund des Krieges in Afghanistan. Hespen: Ja, wir hatten diese Single am Start und wollten die eigentlich promomäßig verschenken. Dann kam der Krieg in Afghanistan und die Meldung von Unicef, dass große Schwierigkeiten herrschten, Spendengelder für Afghanistan zusammenzubekommen. In Afghanistan lebt ja auch in erster Linie eine Zivilbevölkerung, die seit dreißig Jahren im Krieg lebt und dieser Krieg war nun noch der endgültige Nackenschlag. Deswegen haben wir den größten Teil der Singles verkauft und der Erlös ging dann zu 100 Prozent an die Flüchtlingshilfe Afghanistan. So haben wir dem Protestsong den einzigen konkreten Sinn gegeben, den so ein Song überhaupt haben kann, nämlich, um über den Verkauf von CD´s Geld einzunehmen und dieses dann zu spenden. Und so hat man wirklich etwas erreicht, glaube ich und sei es auch in einem noch so kleinen Rahmen. Rockszene.de: Was ist folglich für Dich der Sinn von Musik? Hespen: Das ist ja fast wie die Frage nach dem Sinn des Lebens... Ich habe natürlich Spaß an der Musik und kann mich darüber ausdrücken. Ich glaube an so etwas wie Kunst, im Sinne eines religiösen Glaubens. Das ist etwas Überirdisches, Wichtiges, was man unbedingt verfolgen sollte. Musik bedeutet für mich mein halbes Leben. Das ist meine ganze Jugendkultur, meine Identität. Rockszene.de: Der Song "die engel am meer", den ihr von der ersten EP nun als Pianoversion auf das neue Album gebracht habt, hat diese ungeheure Ausdruckskraft? Hespen: Ich denke schon. Zu dem Stück kam mal nach einem Konzert eine Frau zu uns mit einem großen, selbstgemalten Bild in der Hand. Und auf diesem Bild war genau die Szene dargestellt, die ich versucht habe, im Song zu beschreiben. Das hat doch irgendwie Magie, dass man sich gar nicht kennt und doch versteht und darüber glücklich ist. Dieses Stück hat eine große, sehr intime Resonanz. Es scheint allen Leuten klar zu sein, was dieses Stück meint. Das ist ein Glücksgriff. Rockszene.de: Plant ihr, ein Video zum neuen Album zu drehen? Hespen: Eventuell. So ein Video macht unheimlich viel Arbeit und kostet Geld. Und wenn das nachher nicht oft und auf vielen Kanälen gesendet wird, dann ist das die Mühe kaum wert. Ein Grund mehr es nicht zu machen, ist, dass es VIVA2 nicht mehr gibt. Rockszene.de: Auf der Platte findet sich auch eine Coverversion von Udo Lindenberg "du knallst in mein leben". Hespen: Udo ist ein Typ, der mich begleitet hat, seit ich denken kann. Das war der erste neben AC DC, dessen Namen ich auf meine Federmappe gekritzelt habe. Udo ist für mich, was den Umgang mit deutscher Sprache angeht, ein super Vorbild. Die frühen Platten von ihm finde ich textlich ganz weit vorn. Die Hip Hopper haben alle Referenzen an Udo Lindenberg. Zum Beispiel findet sich auf der jetzigen Young Denay Platte eine Coverversion und auch Freundeskreis haben zwei Stücke gecovert. Für jeden, der was mit deutschen Texten macht, sind Leute wie Udo und Rio Reiser eben einfach unumgänglich. Rockszene.de: Die CD "mit deinem gefühl für mich" war sowohl musikalisch als auch von der Booklet-Gestaltung her eine sehr dunkle Platte. Das neue Album hingegen strahlt in reinem Weiß. Hespen: Sicher ist die neue Platte in vielen Momenten noch immer melancholisch. Aber im Gegensatz zur letzten strahlt die CD tatsächlich. Es war von Anfang an die Planung, dass wir ganz viel mit Weiß arbeiten, denn das lässt Freiräume. Auch das Foto mit dem Strand zeigt diese Weite und Freiheit. Dass Wasser mit auf dem Cover ist, war mir sehr wichtig, denn wie ein roter Faden ziehen sich die Begriffe Meer und Krieg durchs Album. Rockszene.de: Ihr geht jetzt auf Tour mit Johannes Finke. Wer ist das und warum gerade mit ihm? Hespen: Johannes Finke ist ein Autor aus Freiburg und er schreibt Gedichte und Kurzgeschichten. Gelegentlich ist er auch unterwegs mit Akustikgitarre und spielt kleine Songs mit deutschen, sehr lyrischen Texten. Warum gerade er als Support? Erstens ist er mein guter Freund, zweitens finde ich die Kunst, die er macht sehr gut, drittens ist es schwierig für Künstler, die so etwas machen auf einer größeren Bühne zu spielen und somit finde ich es super, ihm diese Bühne zu geben und viertens... Rockszene.de: ... ist es sinnvoll, dass keine extrem laute Vorband das Publikum vorher taub spielt? Hespen: Ja, das sollten wir dann schon machen. Ich glaube die Kombination von Johannes und uns funktioniert super. Rockszene.de: Und wie sieht der Zukunftsplan für Systemhysterie aus? Hespen: Ich wünsche mir, dass die Platte gut läuft. Und alles andere kann ich jetzt noch nicht absehen. |