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Tim Hespen (Systemhysterie)
Das neue Album "Wir fordern die Macht"

Von Frauke Rauner

Im Oktober 1996 spielte die hannoversche Band Systemhysterie ihr erstes Konzert. Kurz darauf nahm die Band um Sänger und Gitarrist Tim Hespen eine Demo-CD beim "Klub der guten Hoffnung" auf.
Es folgten drei Jahre, in denen die Band mit diversen Plattenfirmen verhandelte.

Im September 2000 wurde dann endlich die längst überfällige Platte "mit deinem gefühl für mich" veröffentlicht.

Mit dem Album "wir fordern die macht" (Label: Clubcraft-Records) meldet sich Systemhysterie härter und gitarrenlastiger zurück, als man von ihrem Debüt-Album noch in Erinnerung hatte.

Unsere Mitarbeiterin Frauke Rauner sprach mit Tim Hespen am 21.Januar 2002, ein paar Tage vor Start der ausgedehnten Deutschlandtour.

Rockszene.de: Der Bandname Systemhysterie ist wie der Titel und das Opener-Stück des neuen Albums "wir fordern die macht" provokant und auch politisch...

Tim Hespen: Sicher hat der Bandname eine politische Komponente. Letztlich ist "Systemhysterie" jedoch ein Wort, das wertfrei ist. Man kann natürlich das Wort "System" im politischen Zusammenhang sehen, aber es könnten genauso gut Computersysteme oder andere gemeint sein.
Ansonsten, ja, auf der Platte sind auch politische Stücke drauf, was immer das auch heißen mag. Jede Art von Song kann politisch sein, Liebeslieder oder auch Songs über Luftballons können politisch sein. Es ist sowieso ein Trugschluss, zu denken, dass politische Musik grundsätzlich mit einem direkten politischen Statement verbunden sein muss. Beim Song "wir fordern die macht" provozieren wir sicher das Politische, zum Beispiel durch die Begriffe Waffen, Krieg usw..
Jedoch beschreibt das Stück letzlich nur, wie es ist, wenn man als Band mit einer frischgemachten Platte aus dem Studio rauskommt und sich nun darauf einlassen muss, was der Rest der Welt dazu sagt, man selber davon aber ziemlich überzeugt ist. Wenn man so lange an den Sachen gearbeitet hat, dann hat man sich auch unangreifbar gemacht.
Mich haben auch schon Leute gefragt, ob das Stück etwas mit dem 11. September zu tun hat. Das ist natürlich nicht so. Die Platte wurde ja schon im Sommer 2001 aufgenommen.

Rockszene.de: Im Oktober 2001 erschien die Singleauskopplung "wir fordern die macht", die auch den Song "the problem of making protestsongs" enthielt. Diese Veröffentlichung stand vor dem aktuellen Hintergrund des Krieges in Afghanistan.

Hespen: Ja, wir hatten diese Single am Start und wollten die eigentlich promomäßig verschenken. Dann kam der Krieg in Afghanistan und die Meldung von Unicef, dass große Schwierigkeiten herrschten, Spendengelder für Afghanistan zusammenzubekommen. In Afghanistan lebt ja auch in erster Linie eine Zivilbevölkerung, die seit dreißig Jahren im Krieg lebt und dieser Krieg war nun noch der endgültige Nackenschlag. Deswegen haben wir den größten Teil der Singles verkauft und der Erlös ging dann zu 100 Prozent an die Flüchtlingshilfe Afghanistan. So haben wir dem Protestsong den einzigen konkreten Sinn gegeben, den so ein Song überhaupt haben kann, nämlich, um über den Verkauf von CD´s Geld einzunehmen und dieses dann zu spenden. Und so hat man wirklich etwas erreicht, glaube ich und sei es auch in einem noch so kleinen Rahmen.

Rockszene.de: Was ist folglich für Dich der Sinn von Musik?

Hespen: Das ist ja fast wie die Frage nach dem Sinn des Lebens... Ich habe natürlich Spaß an der Musik und kann mich darüber ausdrücken. Ich glaube an so etwas wie Kunst, im Sinne eines religiösen Glaubens. Das ist etwas Überirdisches, Wichtiges, was man unbedingt verfolgen sollte. Musik bedeutet für mich mein halbes Leben. Das ist meine ganze Jugendkultur, meine Identität.

Rockszene.de: Der Song "die engel am meer", den ihr von der ersten EP nun als Pianoversion auf das neue Album gebracht habt, hat diese ungeheure Ausdruckskraft?

Hespen: Ich denke schon. Zu dem Stück kam mal nach einem Konzert eine Frau zu uns mit einem großen, selbstgemalten Bild in der Hand. Und auf diesem Bild war genau die Szene dargestellt, die ich versucht habe, im Song zu beschreiben. Das hat doch irgendwie Magie, dass man sich gar nicht kennt und doch versteht und darüber glücklich ist. Dieses Stück hat eine große, sehr intime Resonanz. Es scheint allen Leuten klar zu sein, was dieses Stück meint. Das ist ein Glücksgriff.

Rockszene.de: Plant ihr, ein Video zum neuen Album zu drehen?

Hespen: Eventuell. So ein Video macht unheimlich viel Arbeit und kostet Geld. Und wenn das nachher nicht oft und auf vielen Kanälen gesendet wird, dann ist das die Mühe kaum wert. Ein Grund mehr es nicht zu machen, ist, dass es VIVA2 nicht mehr gibt.
Eventuell will jemand zum Song "tomorrow never knows" einen Kurzfilm drehen. Von der Idee bin ich hingegen begeistert.

Rockszene.de: Auf der Platte findet sich auch eine Coverversion von Udo Lindenberg "du knallst in mein leben".

Hespen: Udo ist ein Typ, der mich begleitet hat, seit ich denken kann. Das war der erste neben AC DC, dessen Namen ich auf meine Federmappe gekritzelt habe. Udo ist für mich, was den Umgang mit deutscher Sprache angeht, ein super Vorbild. Die frühen Platten von ihm finde ich textlich ganz weit vorn. Die Hip Hopper haben alle Referenzen an Udo Lindenberg. Zum Beispiel findet sich auf der jetzigen Young Denay Platte eine Coverversion und auch Freundeskreis haben zwei Stücke gecovert. Für jeden, der was mit deutschen Texten macht, sind Leute wie Udo und Rio Reiser eben einfach unumgänglich.

Rockszene.de: Die CD "mit deinem gefühl für mich" war sowohl musikalisch als auch von der Booklet-Gestaltung her eine sehr dunkle Platte. Das neue Album hingegen strahlt in reinem Weiß.

Hespen: Sicher ist die neue Platte in vielen Momenten noch immer melancholisch. Aber im Gegensatz zur letzten strahlt die CD tatsächlich. Es war von Anfang an die Planung, dass wir ganz viel mit Weiß arbeiten, denn das lässt Freiräume. Auch das Foto mit dem Strand zeigt diese Weite und Freiheit. Dass Wasser mit auf dem Cover ist, war mir sehr wichtig, denn wie ein roter Faden ziehen sich die Begriffe Meer und Krieg durchs Album.
Die Platte ist auch soundmäßig ganz anders. Bei der letzten haben wir sehr viel mit Synthesizern und Keyboards experimentiert. Auf der neuen Platte ist nur der Bandsound, also Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang zu hören. Durch diese Natürlichkeit ist die Musik auch wieder kantiger, rockiger. Das finde ich klasse.

Rockszene.de: Ihr geht jetzt auf Tour mit Johannes Finke. Wer ist das und warum gerade mit ihm?

Hespen: Johannes Finke ist ein Autor aus Freiburg und er schreibt Gedichte und Kurzgeschichten. Gelegentlich ist er auch unterwegs mit Akustikgitarre und spielt kleine Songs mit deutschen, sehr lyrischen Texten. Warum gerade er als Support? Erstens ist er mein guter Freund, zweitens finde ich die Kunst, die er macht sehr gut, drittens ist es schwierig für Künstler, die so etwas machen auf einer größeren Bühne zu spielen und somit finde ich es super, ihm diese Bühne zu geben und viertens...

Rockszene.de: ... ist es sinnvoll, dass keine extrem laute Vorband das Publikum vorher taub spielt?

Hespen: Ja, das sollten wir dann schon machen. Ich glaube die Kombination von Johannes und uns funktioniert super.
Übrigens erscheint dann zur Tour noch eine Vinyl-Split-Single mit uns auf der A- und Johannes auf der B-Seite.
Und vielleicht gehen wir auch beide alleine im Sommer noch einmal auf Tour.

Rockszene.de: Und wie sieht der Zukunftsplan für Systemhysterie aus?

Hespen: Ich wünsche mir, dass die Platte gut läuft. Und alles andere kann ich jetzt noch nicht absehen.

Die neue Systemhysterie-CD "Wir fordern die Macht" erscheint am 18.02.02 bei Clubkraft Records.
Unter http://www.clubkraft-records.de kann die CD ab sofort über den Online-Shop bezogen werden.

Systemhysterie-Tourdaten Januar/Februar/März 2002 unter http://www.systemhysterie.de