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Das Interview mit Andrea Petricca von Emergenza Deutschland führte Andreas Haug am 23.05.2001

Rockszene: Hallo Andrea, über kaum einen anderen Bandwettbewerb als Emergenza wird in diesen Tagen und Wochen soviel diskutiert.
Aus welcher Motivation sollten sich aus deiner Sicht Bands bei Emergenza bewerben und bei diesem Wettbewerb mitmachen ?

Andrea Petricca: Das Emergenza-Festival kann man durchaus als Plattform wichtiger am Musikgeschäft beteiligten Personen, Firmen und Medien sehen. Eine Teilnahme bei Emergenza, kann für eine Band dazu führen, dass interessante und wichtige Kontakte zu Vertretern aus dem professionellen Musikgeschäft geknüpft werden können, regional wie auch überregional.
Wir arbeiten seit Jahren mit interessanten Partnern zusammen. Wir kooperieren z.B. mit Plattenfirmen, örtlichen und überregionalen Konzertveranstaltern. Und davon profitieren natürlich die Bands. Ferner haben Musiker Gelegenheit, sich in wichtigen deutschen Clubs unter technisch professionellen Bedingungen einem großen Publikum zu präsentieren.

Gerade für Musiker aus der so genannten Provinz kann es ja sehr reizvoll sein, sich und ihr Projekt mal auf bekannten Bühnen in Großstädten wie Hamburg, Berlin, München oder auch Hannover vorzustellen. Durch eine gute Präsentation gelingt es der Band u.U. einen örtlichen Konzertveranstalter für sich zu interessieren und Folgegigs in dieser Stadt zu buchen, um nur mal ein praktisches Beispiel zu nennen.

Rockszene: Welche inzwischen bekannten Bands haben von der Teilnahme bei Emergenza indirekt oder direkt profitiert ?

Petricca: Da sind z.B. Myballon, die europäischen Sieger von 1999, dann die Band Glow, die mal in München im Finale standen oder auch Emil Bulls, die 1997 den dritten Platz im Europa-Finale von London erreicht haben.

Rockszene: Das Europa-Finale findet in diesem Jahr im Rahmen des Taubertal Open-Airs im August statt. Da tummeln sich dann also die großen Plattenbosse und Tourneeveranstalter, die nach den Kurzauftritten Backstage auf die Bands zukommen und denen lukrative Verträge unter die Nase halten oder wie kann man sich das konkret vorstellen ?

Petricca: Ganz so schnell geht das natürlich auch nicht und das wäre auch unseriös.

Aber Taubertal ist ein gutes Stichwort. Wir konnten konkret Sina Fairchid von Mercury Records gewinnen, der mit jeder der 10 Bands im Anschluss an deren Auftritt ein ausführliches Gespräch führen wird. Da erhält dann die jeweilige Band Tipps aus erster Hand, bekommt ein Statement zu den eigenen Stärken und Schwächen. Bei dieser Gelegenheit erfährt eine Band mal direkt aus Sicht eines Entscheidungsträgers einer Plattenfirma, wie ihre Musik und ihre Bühnenpräsenz auf die Partei wirkt, die man schließlich überzeugen und für sich als Partner gewinnen will. Häufig erhalten ja Bands von Plattenfirmen bzw.deren A+R Managern als einziges Feedback auf ihre Musik nicht mehr als den höflichen-standardisierten Absagebrief. Und das hilft der Band auch nicht weiter.

Rockszene: Bis zum Europa-Finale ist es bekanntlich ein weiter Weg. Das ist für einige Musiker sicherlich zunächst mal zu abstrakt. Konzentrieren wir uns mal auf Hannover. Was bringt einer Band die Teilnahme bei Emergenza, wenn sie die Halbfinals nicht "übersteht" oder es nicht bis zum europäischen Finale schafft, sondern, sagen wir mal, im Regional-Finale auf Platz 2 oder 3 landet ?

Petricca: Im Rahmen des Regional-Finales im Capitol gibt es schon attraktive Preise zu gewinnen, wie gesponsorte Studioaufnahmen oder CD-Produktionen. Aber unabhängig von den materiellen Preisen: Nehmen wir mal eine Band, die im Halbfinale oder sogar in der Vorrunde ausgeschieden ist. Die können u.U. viel erreicht haben oder erreichen. Gerade eine junge Band, die bislang möglicherweise nur vor wenigen Leuten in irgendeinem Jugendzentrum in ihrem Heimatort gespielt hat, kann sich durch ihren Auftritt vor 200 oder 300 Leuten im Musikzentrum neue Fans erspielt haben. Sie haben Kontakte zu anderen Musikern geknüpft und evtl. das Interesse eines Veranstalters geweckt, der die ein oder andere Band z.B. im Herbst für weitere Festivals engagiert. Oder es kommt für die ein oder andere Band ein Club-Gig allein oder im Doppelpack zustande. Selbstverständlich wird keine Gruppe am selben Abend vom Fleck weg engagiert, aber wer sich gut präsentiert, steht für die Zukunft schon bei einigen Leuten im Notizbuch. Oder nimm doch als Beispiel das was ihr von der Rockszene macht. Ihr seid bei jedem Konzert vor Ort. Die Bands bekommen durch eure ausführliche Berichterstattung Öffentlichkeit. Ihr kommt doch auch mit Musikern am Rande der Veranstaltungen ins Gespräch. Und wie ist es mit Bands die euch CDs schicken oder vor Ort überreichen ? Habt ihr nicht z.B. die Hannover Charts und bringt die Bands ins Lokal-Radio ?

Rockszene: Ja, auch. Wir stellen Songs für die Hannover Charts vor, die wir in Kooperation mit Radio Flora einmal monatlich in einer zweistündigen Radiosendung präsentieren. Aber hier entscheidet das Publikum, also unsere Leser und die Hörer von Flora, welche Band sich wie platziert. Aber, wir wollten eigentlich die Fragen stellen....

Petricca: Ja, sorry (lacht). Ich wollte damit nur verdeutlichen, was sich konkret aus der Teilnahme bei Emergenza für die Bands vor Ort ergeben kann. Und ein wichtiger Kontakt und sei es zunächst nur mal auf lokaler Ebene, kann so manchen Weg ebnen. Und eine gute Konzertkritik oder CD-Besprechung ist für das Bandinfo bzw. die Pressemappe einer Band auch nicht gerade von Nachteil.

Rockszene: Nur warum muss eine Band bezahlen um bei Emergenza aufzutreten ? 140,--DM Antrittsgeld pro Band, wofür ?

Petricca: Dieses Antrittsgeld gibt es noch gar nicht so lange, aber wir hatten vor einigen Jahren an einigen Plätzen Probleme mit der Disziplin der Bands. Die haben sich zwar angemeldet sind aber schon mal häufiger nicht zu den Auftritten erschienen. Da gab es dann 2 Tage vor dem Konzerttermin eine Absage.

Da haben wir dann alles vorbereitet und am Ende standen wir mit vier oder fünf statt sieben Bands in der Halle. Damit die Bands diesen Wettbewerb auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit angehen, haben wir uns auf Grund der gemachten schlechten Erfahrungen entschlossen, sie mit 140,--DM in die Pflicht zu nehmen. Das ist praktisch für uns eine Art Versicherung.
Es mag zwar zunächst paradox klingen, warum eine Band bezahlen muss um zu spielen, denn normalerweise erwartet eine Band eher, dass sie vom Veranstalter für ihre Leistung bezahlt wird. In vielen Länder setzt sich diese "Pay-to-play" – Geschichte mehr und mehr durch, in Deutschland ist es noch nicht ganz so weit verbreitet wie in England oder USA. Deshalb reagieren die Musiker hier wohl grundsätzlich empfindlicher als in anderen Ländern, wenn es darum geht im Voraus Geld zu bezahlen. Aber ganz deutlich: Es ist für uns wirklich nur eine Rückversicherung, dass wir uns auf die Teilnahme der Bands auch tatsächlich verlassen können. Diese 140,--DM werden auch nur einmal bei Anmeldung fällig und nicht vor jeder Runde. Da kursieren ja die wildesten Gerüchte.

Rockszene: Interessanter Aspekt mit der Versicherung, aber wäre es unter diesen Voraussetzungen nicht denkbar, den Bands nach Abschluss der Festival-Reihe, die 140,--DM zurückzuzahlen ? Dann hätte dieser Betrag eher den Charakter eines Pfandes und würde den von dir genannten Zweck auch völlig erfüllen, oder ?

Petricca: Der Gedanke ist nicht ganz abwegig, aber sind bei einer fünfköpfigen Band 28,--DM pro Musiker zu viel Geld ? Wenn man das in Relation zu dem sieht, was die Band im Zuge der Veranstaltung erreichen kann, verstehe ich die Diskussion nicht. Wenn man das als Investition in die Bandpromotion bewertet, kann das Geld doch nicht so weh tun. Wir haben ja auch ein nicht zu unterschätzendes Kostenrisiko.

Rockszene: Nun ja, ein Großteil unserer Leser verweist in diesem Zusammenhang auch auf die nicht geringen Eintrittspreise von 18,--DM für die Vorrunden und das Halbfinale sowie 25,--DM im Finale. Die Musiker realisieren, dass alle um sie herum Geld einnehmen (Emergenza-Organisatoren, örtlicher Veranstalter, Getränkestand etc.) nur sie, die mit ihren Auftritten letztlich dafür sorgen das die Leute kommen und Geld bezahlen, gehen leer aus. Da ist knallhart von "Abzocke" die Rede, zumal sich um das Festival ja noch jede Menge Sponsoren tummeln.....

Petricca: Das ist gut das du dieses Thema ansprichst. Ich gebe dir und euren Lesern Recht, dass man bei vordergründiger Betrachtung unter dem Eindruck stehen könnte, dem ist aber absolut nicht so.

Rockszene: Also keine Abzocke ?

Petricca: Nein ! Ich gebe dir mal einen groben Überblick über die Kosten und das damit verbunde wirtschaftliche Risiko für Emergenza in Deutschland.

Wir arbeiten in Deutschland mit bekannten Clubs unterschiedlicher Größe zusammen. Darunter sind eben Läden wie die Columbia-Halle in Berlin mit einer Kapazität von ca.3000 Zuschauern, da ist das Metropolis in München, die Live-Music-Hall in Köln, das Batschkapp in Frankfurt, die Zeche in Bochum oder das Capitol in Hannover. Da liegen die Produktionskosten bei bis zu 18.000,--DM pro Abend. Für diese Summe gehen wir das komplette Risiko ein, noch bevor der erste Zuschauer in der Halle ist und bevor der erste Ton gespielt ist.

Und bedenke mal das Taubertal-Festival. Da bezahlen wir die Reise-und Übernachtungskosten für 120-130 Personen.

Rockszene: Mal abgesehen von den größeren Clubs. Wie sieht das in den vergleichsweise kleineren Venues, wie dem Musikzentrum in Hannover aus, die von der Kapazität bis ca.500 Besucher ausgerichtet sind und in denen die Vorrunden und Halbfinals ausgetragen werden ?

Petricca: Da liegen die Kosten für Hallenmiete, P.A., Mischer, Security, Personal etc. bei ca.3000 bis 4000,--DM pro Abend. Dann darf man nicht vergessen, dass auch unsere Leute von der Deutschland-Zentrale in München vor Ort sind. Da fallen dann auch Reisekosten und Übernachtungen an.

Rockszene: Und was ist mit den Sponsoren ?

Petricca: Im Hinblick auf die Sponsoren haben die meisten Leute ebenfalls völlig falsche Vorstellungen. Keiner der Sponsoren unterstützt das Festival oder einzelne Veranstaltungen finanziell. Die Unterstützung seitens der Sponsoren läuft auf einer anderen Ebene ab. Sie unterstützen mit Leistungen aus ihrem Fachbereich. Ein Musikhändler stellt Verstärker, ein Magazin unterstützt durch Öffentlichkeitsarbeit und durch die Berichterstattung. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass die Sponsoren alle jeweils ein paar tausend Mark bezahlen, damit sie sich Sponsor nennen dürfen um dann ein Plakat in der Halle aufzuhängen und uns die finanzielle Grundabsicherung einer Veranstaltung garantieren. Dies ist nicht der Fall.

Rockszene: Viele Bands beschweren sich, dass ihnen die ganze Arbeit des Vorverkaufs überlassen wird. Die Bands müssten dafür sorgen, dass sie Leute in die Halle ziehen und Eintrittskarten verkaufen. Die Eintrittskarten müssten von den Bands bei Emergenza abgekauft werden. Ist es also so, dass die Bands am finanziellen Risiko beteiligt werden indem man an sie im Vorfeld ein Kontigent an Eintrittskarten verkauft ?

Petricca: Das ist absolut falsch. Niemand muss Emergenza Eintrittskarten abkaufen, niemand ist verpflichtet, Karten abzunehmen. Und wenn sich eine Band entschließt, den Versuch zu unternehmen z.B. 30, 40 oder 50 Karten zu verkaufen, geht sie dabei absolut kein finanzielles Risiko ein, denn wir stellen den Bands das geforderte Kontingent erstmal kostenlos zur Verfügung.

Rockszene: Nicht mal auf Kommissionsbasis ?

Petricca: Nein, nicht mal das. Die Band unterschreibt für die Anzahl der erhaltenen Karten, z.B. 50 Stück. Nun verkauft die Band z.B. 35 Karten. Vor ihrem Auftritt gibt die Band die übrig gebliebenen Restkarten, in diesem Fall 15 Karten, zurück.

Erst jetzt, also nachdem selbst Geld eingenommen wurde, muss die Band für die 35 verkauften Karten an uns bezahlen. Die Karte im Vorverkauf kostet statt 18,--DM an der Abendkasse 15,--DM. Außerdem räumen wir den Bands beim Verkauf bestimmter Kartenmengen einen Bonus in Form eines Anteils von kostenfreien Karten an. Für pfiffige Bands bietet dieses System sogar noch Möglichkeiten aus dem Vorverkauf Geld zu verdienen in dem sie die uns gegenüber kostenfreien Bonuskarten zum normalen Vorverkaufstarif an ihre Fans und Freunde oder sonst wen verkaufen. Und einige nutzen das auch aus, nur darüber wird dann nicht gesprochen.

Rockszene: Da kommen wir gleich zum nächsten Punkt. Es wird zwar nach deinen Worten niemand gezwungen, den Vorverkauf mitzumachen, allerdings wird diese Band nach Meinung vieler kaum eine Chance haben, im Wettbewerb voran zu kommen. Tenor ist bei vielen Musikern und Besuchern: Bei Emergenza kommen nicht die Bands in die nächste Runde, die am besten spielen können oder die beste Musik machen, sondern die Bands, die die meisten Karten verkauft haben und damit Fans in der Halle haben.

Petricca: Das ist gewissermaßen nicht von der Hand zu weisen. Die Entscheidung liegt beim Publikum. Es ziehen drei bis vier Bands in die nächste Runde ein um das mal vereinfacht zu erklären. Platz 1 bis 3 garantiert und häufig unter bestimmten Voraussetzungen noch Platz 4. Die Platzierung ergibt sich aus der Gesamtzahl der erreichten Publikumsstimmen, die nach dem Auftritt jeder Band per Handzeichen abgegeben und der jeweiligen Gruppe gutgeschrieben werden. Wer am Ende die meisten Handzeichen auf sich vereinigen kann, hat eben gewonnen.

In diesem Zusammenhang liegt der Verdacht nahe, dass sich einige Bands ihr Publikum und damit auch die Teilnahme an der nächsten Runde erkaufen.

Dann fühlen sich die Bands benachteiligt, die nicht so viele Karten verkaufen konnten oder relativ früh am Abend vor weniger Publikum spielen müssen als beispielsweise die vierte Band des Abends. Ich kenne diese Diskussionen und die wird es geben so lange es dieses Festival gibt. Ein Festival um 21 Uhr vor vielleicht 50 bis 100 Leuten zu eröffnen ist sicherlich nicht so angenehm als um 22:30/23:00 Uhr vor 250-300 Leuten aufzutreten.

Rockszene: Also ist das dann eben Pech für die Bands, oder wie ?

Petricca: Man sollte das mit den Anfangszeiten und dem Kartenvorverkauf nicht immer so dramatisch sehen, denn es gibt und gab gerade in Hannover Beispiele dafür, dass sich auch Bands durchsetzen konnten, die kaum Karten verkauft hatten oder den berühmten Opener machen mussten.

Rockszene: Wer zum Beispiel ?

Petricca: Gooze-Flesh aus Rheine haben gar keine Karten verkauft. Toys for joy aus Hameln haben neun Karten verkauft und auch Shaved aus Braunschweig haben nicht viele Karten unters Volk gebracht, all die genannten Bands haben sich aber bis ins Finale durchsetzen können, weil sie auf Grund ihrer musikalischen Darbietung und der Bühnenpräsenz das Publikum überzeugen konnten und genug Stimmen auf sich vereinigen konnten. Die Band Ten Mile Ride hat eines der Halbfinalkonzerte um Punkt 21 Uhr eröffnet und ist ebenfalls im Finale.

Rockszene: Bei uns im Gästebuch, zweifeln viele Leute die Richtigkeit der Auszählungen an und können die Platzierungen mitunter überhaupt nicht nachvollziehen. Da spielen dann Bands vor vollem Saal, sorgen für Partystimmung und kommen nicht weiter, andere verkaufen keine Karten und spielen vor nur halb gefüllter Halle und kommen bis ins Finale........

Petricca: Da täuscht der Eindruck. Es ist häufig der subjektive Eindruck einer lauten fetzigen Band in eben jenem vollen Saal. In der ersten Reihe wird kräftig getanzt und gejohlt. Steht man im vorderen Teil der Halle mitten im Publikum und das auch noch während der Abstimmung, wo scheinbar alle um einen herum die Hand heben, entsteht schnell ein falsches Bild von den tatsächlich abgegebenen Stimmen. Vorne geht der Bär ab, denn bereits 40 oder 50 Leute können ein Riesenspektakel veranstalten und im hinteren Teil der Halle sieht man kaum noch Hände. Und an manchen Abenden reichen 40 Stimmen eben nicht zum Weiterkommen.

Rockszene: Also können einem die Sinne einen Streich spielen. Die Fata Morgana des Rockn´Roll, man sieht mehr Hände als sich tatsächlich erheben ?

Petricca: Wir zählen die Stimmen sehr sorgfältig. Wir haben früher mal mit zwei Leuten gezählt und kamen beide auf Abweichungen von fünf bis zehn Stimmen, aber das in Hallen wo über 1000 Leute anwesend waren und sich der halbe Saal gemeldet hat.

Rockszene: Böse Zungen sprechen davon, dass am Ende des Abends die Stimmen im stillen Kämmerlein schon mal auf oder abgerundet werden. Es werden Forderungen laut, das Ergebnis der Abstimmung unmittelbar nach Auszählung jeder Band bekannt zu geben um die Möglichkeit einer Manipulation von vornherein auszuschließen. Was haltet ihr davon ?

Petricca: Auch das haben wir vor Jahren schon einmal ausprobiert. Mit dem Effekt, dass das Publikum und vor allem die Fans vieler Bands schon während der Veranstaltung viel zu viel kalkuliert haben. Da hat dann die dritte oder vierte Band des Abends bei einem Konzert wo augenscheinlich 300 Leute anwesend waren etwas über 200 Stimmen bekommen. Die zweite Band des Abends hatte schon 180 Stimmen bekommen. Also war schon nach zwei Stunden die Luft raus. Die Leute sind dann häufig gegangen, in der Gewissheit, dass es ihre Band bei einer Punktzahl in einer bestimmten Größenordnung "sowieso geschafft hat" was zur Folge hatte, dass Band Nr.7 oder Nr.8 noch vor 50-100 Leuten. Oder es kam soweit, dass für bestimmte Bands bewusst nicht mehr abgestimmt wurde, weil man ja die bisherigen Ergebnisse des Abend fleißig mitnotiert hatte. Da geht dann jede Spontaneität verloren und das ist weder gut für das Konzert noch für die Bands, da verkommt die Veranstaltung zum kühl kalkulierten Rechenspiel. Und welche Gründe einer Manipulation in der Auszählung sollten wir von Emergenza eigentlich haben ? Mit sehr viel schlechter Phantasie könnte man uns das Interesse unterstellen, das wir Bands im Finale sehen wollen, die dafür gut sind, viele Karten zu verkaufen um in den größeren Venues ein möglichst volles Haus zu garantieren. Das ist aber völlig abstrus. Und die Tatsache, dass es mit den bereits erwähnten Bands Gooze-Flesh, Toys for joy und Shaved gerade Bands geschafft haben, die eben keine bzw. sehr wenige Karten verkauft haben widerlegt eine solche Theorie. Es geht fair bei uns zu, da wird nicht manipuliert.

Rockszene: Warum gibt es eigentlich keine Jury ? Eine Kombination aus Jury und Publikumsentscheid erscheint doch als die ideale Lösung, zumindest sehen das viele Leute mit denen wir gesprochen haben so.

Petricca: Eine Jury aus Fachleuten aus dem Musikgeschehen mit fünf, sechs oder mehr Personen, wäre nur dann eine faire Lösung, wenn diese Gruppe immer aus den selben Personen bestehen würde, nur das lässt sich bei 12 Runden und 22 Konzerten allein in Hannover organisatorisch gar nicht bewerkstelligen. Die Jury-Mitglieder, die sich ehrenamtlich für diese Aufgabe zur Verfügung stellen würden, müssten an allen 12 Abenden über ein halbes Jahr Zeit finden jeweils vier Stunden anwesend zu sein. Und nun stell dir mal vor, ein Redakteur eines Musikmagazins sitzt in der Jury, der sich einen Abend später, aus Zeitmangel von einem Kollegen vertreten lässt. Das würde unweigerlich zu Protesten führen. Da würde es dann das Argument seitens einzelner Bands geben, dass Jury-Mitglied X bekanntermaßen ein Rock-Pop-Fan ist und sein Vertreter Y eher Hardcore und Crossover bevorzugt, denn irgendwo fließt auch bei Jury-Mitgliedern unterbewusst ein gewisser Anteil persönlichen Geschmacks in die Entscheidung ein. Das Bild wäre also schief. Deshalb haben wir von diesen Überlegungen Abstand genommen.

Rockszene: Aber im Regional-Finale im Capitol gibt es dann plötzlich eine Jury. Warum das ? Wie ist dann an diesem Abend die Funktion des Publikums ?

Petricca: Das Stimme des Publikums ist genauso wichtig, wie in den Vorrunden und den Halbfinals. Die Jury bestimmt zu Beginn des Abends erstmal gar nichts.
Es läuft wie gewohnt. Es werden insgesamt 10 Bands spielen. Ausschließlich das Publikum bestimmt durch Handzeichen die "besten" vier Bands des Abends. Die Jury hat an dieser Stelle noch gar keine Einfluss. Erst wenn die bewussten vier Bands feststehen, wird die Jury aktiv indem sie aus diesen Bands den Gewinner ermittelt, der letztlich zum Europa-Finale nach Taubertal fährt.

Wir sind der Meinung, dass bei dieser letzten und sehr wichtigen Entscheidung schon das Urteil von Fachleuten Gewicht haben sollte, die täglich im Musikgeschäft zu tun haben. Eine gewisse professionelle Verantwortung haben wir schon, wenn wir eine Band zu einem Festival der Größenordnung Taubertal-Open-Air schicken.

Rockszene: Verantwortung ?

Petricca: Ja, wir sind der Meinung, dass eine Band die dort spielt neben der Tatsache, dass sie erwiesenermaßen in der Lage ist ein großes Publikum zu begeistern, auch handwerklich, von der Bühnenpräsenz und vom künstlerischen Aspekt ausreichend Potenzial besitzt, bald den Sprung ins professionelle Musikgeschäft zu schaffen. Und ich denke, da ist es durchaus legitim eine Jury zu Rate zu ziehen.
Ich habe, was das Capitol betrifft noch eine gute Nachricht.

Rockszene: Welche ?

Petricca: Das Konzert wird von NBC-Giga, die wir als Medienpartner gewinnen konnten aufgezeichnet.

Rockszene: Das hört sich gut an. Andrea gestatte uns zum Abschluss noch eine kritische Frage. Es gibt Bands, die wünschen sich vor Ort in der Halle ein etwas bessere Betreuung. Bier gibt es nicht und zu essen würde Backstage auch nichts angeboten. Da fühlt sich der Musiker nicht gerade besonders wohl...

Petricca: Auch das ist leider wieder eine Frage der Kosten. Theoretisch müssen die Bands für Soundcheck und Auftritt ca.1 Stunde vor Ort in der Halle sein. Da muss ja nicht unbedingt noch essen anbieten, oder ? Auf der anderen Seite ist es verständlich, wenn eine Band um 19 Uhr Soundcheck hat und um 21 Uhr auf der Bühne stehen muss, von außerhalb kommt, sich am Veranstaltungsort nicht auskennt, das man da gern einen Imbiss im Backstage-Bereich nehmen würde.

Rockszene: Das ist Stress für einen Musiker....

Petricca: Ja, vielleicht können wir da was tun im nächsten Jahr. Man müsste versuchen einen Sponsor, z.B. eine Fast-Food-Kette zu gewinnen, so dass man den Bands vor Ort dann zumindestens einen vernünftigen Snack o.ä. anbieten kann. Da denken wir mal drüber nach.

Rockszene: So, jetzt sind fast 70 Minuten vergangen. Andrea, wir von Rockszene.de danken Emergenza Deutschland und ganz besonders dir für das ausführliche, sehr offene und informative Gespräch.

Petricca: Ich danke euch. Ich denke es war sehr wichtig, die Punkte mal knallhart und offen anzusprechen, denn viele Meinungen und Diskussion entstehen aus Unsicherheiten und Unkenntnis der Zusammenhänge und ich hoffe, die Kritiker des Festivals sehen manche Dinge jetzt auch mal aus einem anderen Blickwinkel.